Es ist mal wieder Zeit für eine Leseprobe – und was kommt mir dazu am längsten Tag des Jahres in den Sinn? Eine Nachtgeschichte:
Nachtangst
Alles vibriert. Es dröhnt, schlägt, hämmert mit ungeheurer Gewalt. Überall ist Vibration und Dröhnen, nirgends Luft. Keine Luft, mein Gott, rein gar keine Luft, dafür tonnenschwerer Druck auf der Brust. Okay – auf der Brust, das bedeutet, ich bin’s, ich bin noch da – aber was ist das? Was dröhnt, was drängt da, was vibriert und schlägt und pulsiert überall im Körper – ja ich bin im Körper, in meinem Körper, nur der ist, ich weiß nicht was. Gefangen in ihm bin ich, wie in einer Trommel, auf die ein Riese einschlägt. Luft, wieso krieg ich keine Luft? Was hält mich, was drückt mich nieder, nimmt mir den Atem? „Oh mein Gott“ – endlich, ein Schrei, mein Schrei. „Mutter!“ Noch ein Schrei und ich bin wach. Mutter? Das kann nicht sein. Sie ist tot, schon lange tot. Ich aber lebe. Denke ich, denn ich fühle, dass ich senkrecht im Bett sitze, zitternd wie Espenlaub, kein Wunder, ich bin nassgeschwitzt und es ist kalt hier.
wo