Nein, keine Angst, ich gehe nicht mit dem „Stimmengewirr“ in Sommerpause. Bei den langen Pausen, die hier manchmal zwischen zwei Posts liegen, würde das vermutlich ohnehin kaum auffallen. Aber gestern Abend hatten wir im Zuhause am Wasserturm das letzte Spoken Word vor der Sommerpause – und das haben alle verpasst, die gestern nicht dabei waren:

Zuallererst natürlich Herbys Premiere bei uns. Er hatte einen autobiografischen Text über Autos ausgewählt, der wie eine Zeitkapsel funktionierte – klug beobachtet schilderte er viel mehr als Familiengeschichte am Beispiel von Traum- und anderen Autos. Eine Figur wie Tante Edith, ehemalige Opernsängerin mit Stimmbandschaden, die auf Kripo umschult, bei der Sitte arbeitet, eine Wohnung in Siegburg hat und Onkel Egon aus Bonn auf dessen Sterbebett heiratet, kann sich vermutlich nur das Leben ausdenken. Aber man muss sie – und die Sache mit ihrem mysteriösen Ferrari – dann auch erstmal so pointiert erzählen können wie Herby. Ich hoffe sehr, das war nicht sein letzter Besuch bei uns.
Das Thema Familiengeschichte setzte sich nahtlos in „Blende 36“ fort, einem Text, in dem ich mich mit Schwarz-Weiß-Fotos aus den Sechzigern und meinen Eltern, bevor sie Eltern werden, auseinandersetze. Nach den Gesprächen zu urteilen, die darüber in der Pause entstanden, scheint auch das einen Nerv getroffen zu haben – sonst ist das aus der Innensicht beim Lesen ja nur bedingt zu sagen.
Nach der Pause ging es weiter mit Alex, der beim letzten Spoken Word spontan mit einem Text seinen allerersten Auftritt bei uns gewagt hatte. Er las uns etwas über Pekinesen und Chinesen vor, ein launiger Text, der den Bogen von einem Hundehaufen vor der Tür zum Kolonialismus und zurück schlug und alle sehr erheiterte. Anschließend hatte er noch Ausschnitte aus einem Schülermagazin, das 1984 in Essen-Vogelheim entstanden ist. Von wegen, der Steiger kommt und gehört glorifiziert – den Mythos zerlegen die jungen Autoren, die leider anonym blieben, gründlich.
Zum Schluss nahm uns Christina, die sonst unter Jo Koren schreibt und veröffentlicht, mit in den Garten, genauer: Sie erzählte in ihrer Geschichte davon, wie sie an ihren Garten kam und damit gleich doppelte Geschichte, nämlich die der Vorbesitzerin und des Vorvorbesitzers übernahm.
Schon verrückt: Lag und liegt Geschichte als Thema gerade in der Luft oder war es purer Zufall, dass wir alle Zeitreisen mit Worten unternahmen? Unterhaltsam und anregend zugleich war’s allemal, wie die Gespräche danach zeigten. Und so ist es dann doch ein bisschen schade, dass es nun vier Monate dauern wird, bis wir das nächste Mal die Poesie der Stadt auf die Bühne beim Spoken Word am Wasserturm holen werden.
P.S.: Wer bis September nicht warten mag, hat Anfang August die Chance auf „Sweets & Stories“ mit Christina und Jouz & Louz – da es dafür nur sehr begrenzt Karten geben wird, unbedingt die Augen offen halten!