Es war mein erstes Buch von Nobelpreisträger Abdulrazak Gurnah, aber es wird ganz sicher nicht mein letztes sein: Afterlives, das die Geschichten von Khalifa, Ilyas, seiner Schwester Afiya und Hamza mit der Geschichte Ostafrikas und seiner Kolonialmächte Deutschland und England im 20. Jahrhundert verwebt und die Lesenden dabei so fesselt wie eins Sherezade ihren Sultan.

Das beginnt mit Figuren, die schon nach wenigen Sätzen lebendig werden, wie etwa hier auf Seite 139 eine Nebenfigur namens Sungura:
Sungura did not say anything and his expression did not change but Hamza sensed that his whole body cringed. Something about his manner told Hamza that he was used to this treatment, and that he was often required to carry out degrading chores. After they truned out into the road, ge slowd and glanced at Hamza’s hip. It was to tell him that he had seen his limp, one maimed person picking out another, and he was inviting him to set the pace.
In dem Gurnah zum Innenleben seiner Protagonisten eine gewisse Distanz hält, selbst, wenn er es schildert, schenkt er ihnen respektvoll Raum – und das ermöglicht es mir als Leserin, mit einer ähnlichen Haltung mitzufühlen. Ich werde nicht überwältigt, was bei den vielen auch grausamen Dingen, die allein in der krieg- und gewaltgesättigten Periode zwischen Kolonialzeit und Weltkriegen liegen, leicht geschehen könnte, sondern eingeladen, dabei zu sein und mir ein eigenes Bild zu machen. So kommt es mir zumindest vor, aber vielleicht ist das auch nur mein Blick, meine Vorliebe?
Ebenfalls großartig, geradezu atemberaubend ist es, wie kunstvoll und zugleich vollkommen natürlich, geradezu zwingende Gurnah die verschiedenen Erzählstränge bis hin zum atemberaubende Plottwist führt, mit dem eine Generation weiter bis ins heutige Deutschland gesprungen wird. So anders und zugleich doch vertraut habe ich das Land, in dem ich lebe, noch nie gelesen. So nah ist mir Afrika, von dem ich stets bedauernd dachte, dass es viel zu groß, zu vielfältig und zu unbekannt für mich ist, als dass es mir gelingen könnte, einen tatsächlichen Zugang zu seinen Menschen und Kulturen zu bekommen, noch nie gekommen. Um es reisend selbst zu erkunden, mag ich inzwischen womöglich zu alt sein. Aber um es mir lesend Seite um Seite zu erschließen und mich selbst in dem Prozess neu sehen zu lernen (wie alles Wissen, alle Erkenntnis uns stets selbst auch verändert), ist es nie zu spät.
Was für ein Glück, hoffentlich noch viele Bücher von Abdulrazak Gurnah und anderen entdecken zu können!