Verschlungen: „Der Stotterer“

Bei manchen Büchern sind die Wege, die sie zu uns zu nehmen, ähnlich verschlungen wie die Geschichten, die sie erzählen. Charles Lewinskys „Der Stotterer“ war 2019 Teil eines Bücherpakets, das der Stammtisch des Syndikats bei seiner jährlichen Benefizlesung am Krimitag im Dezember verloste. Während ich als Mitorganisatorin und Moderatorin bei der Veranstaltung auf der Bühne stand und mein Bestes gab, um kriminelle literarische Aktivitäten in Spenden für einen guten Zweck umzumünzen, gewann meine Nachbarin, die im Publikum saß, eben dieses Bücherpaket. Und am nächsten Morgen lag „Der Stotterer“ mit dem Hinweis, für mich sei dieses Buch sicher interessant, vor meiner Tür.

Die Taschenbuchausgabe von Charles Lewinskys "Der Stotterer" liegt leicht schräg zu den senkrecht ausgerichteten Stäbchen des hellen, hölzernen Untergrunds. Das weiße Cover ziert im oberen Drittel das Gemälde "La Reproduction interdite" (Reproduktion verboten) von René Magritte, auf dem Edward James, der Auftraggeber des Werks, in einem schwarzen Anzug vor einem Spiegel steht, in dem er jedoch wiederum von hinten zu sehen ist, während das Buch (Edgar Allen Poes "The Narrative of Arthur Gordon Prym of Nantucket") auf dem Simms vor dem Spiegel korrekt gespiegelt wird. Unter dem surrealistischen Bild mit der seltsamen Atmosphäre steht auf weißem Grund der Name des Autoren und der Titel des Romans, darunter Roman * Diogenes. Oben seitlich ins Bild ragend ist ein roter runder Aufkleber, der das Buch als ein unverkäufliches Leseexemplar ausweist.

Allerdings kam und kam ich über lauter anderer Lektüre einfach nicht zum Lesen. Bis jetzt …

Was lässt sich sagen über dieses Buch, das eines über das Schreiben und Erzählen, vor allem aber über das Erfinden von Geschichten und das Sichselbsterfinden unterwegs ist? Der titelgebende Stotterer sitzt im Gefängnis, wo er mit Hilfe des Gefängnispfarrers, der das literarische Talent des Betrügers erkannt hat, einen Job in der Bibliothek ergattert hat. Für den Gefängnispfarrer schreibt er Geschichten aus seinem Leben, die überzeugend klingen, obwohl der Ich-Erzähler keinen Hehl daraus macht, dass ihm als Betrüger, der mit Briefen vermeintlich am anderen Ende der Welt lebender Enkel alte Damen zugleich beglückte und ausnahm, nicht zu trauen ist. Allerdings erweist sich die Arbeit in der Bibliothek nicht nur intellektuell für den Erzähler, der im Verlauf der Geschichte neben den Briefen für den Pfarrer auch eigene Geschichten und ein geheimes Tagebuch zu schreiben beginnt und am Ende ein Buch über sein Leben veröffentlicht, sondern als ausgesprochen interessant für den Drogenboss, der das Leben im Gefängnis bestimmt.

Es ist auf ganz verschiedenen Ebenen ein Buch übers Schreiben wie über die Sprache selbst, über die Macht der Worte und zugleich ihre Ohnmacht. Kein Kriminalroman, aber sicher durchaus auch interessant für Menschen, die solche lesen, genau wie philosophisch veranlagte Lesende das Buch gewiss schätzen werden. Und über das Ende, das mit einer kleinen Überraschung sehr schlüssig und aus Schriftstellerinnensicht mehr als bitter-süß daher kommt, würde ich mich wirklich gerne mit anderen Schreibenden einmal unterhalten und erfahren, mit welchem Gefühl oder vielmehr welchen woraus zusammengemischten Gefühlen sie das Buch am Ende aus der Hand legten.

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