Nachhall: Carmen im Aalto

Was bleibt zehn Tage nach der letzten Aufführung von Johan Ingers modernem Ballett „Carmen“ nach Motiven von Georges Bizets Oper im Essener Aalto-Theater? Die Besetzungsliste der Nachmittagsvorstellung vom 19.7.26 ist inzwischen leider von der Webseite der TUP verschwunden, der Wunsch, die Ballettversion, die laut der weiterhin abrufbaren Beschreibung der Choreographie den liebeskranken Don José in den Mittelpunkt stellt, ein weiteres Mal sehen zu wollen, ist geblieben. Doch der Reihe nach …

… denn die Choreografie beginnt mit einer Figur, die Bizets Oper gar nicht kennt: Ein Kind, unschuldig weiß gekleidet und in kurzen Hosen, betritt mit seinem Ball spielend von der Seite die Bühne, die aus großen, türartigen Elementen besteht. Diese werden im Verlauf des Stückes mal Rückwand mit oder ohne Durchgang nach Art eines Stadttors darstellen, mal ein Halbkreis sein, wild in der Gegend herumgeschoben, ja, sogar Räume bilden, die Figuren einschließen oder in die sie sich zurückziehen. Doch zu Anfang ist sie erst eine Art Sportplatz für das Kind – und es ist wirklich bedauerlich, dass ich den Namen der Tänzerin, die es an diesem Tag so spielerisch leicht aussehen ließ, auf hohem Niveau zu tanzen und dabei die verschiedensten Sportarten von Basketball bis Gymnastik mit dem Ball auf die Bühne zu holen, nicht nennen kann. Dann erscheint eine grimmige schwarze Gestalt – ein Tänzer, der nicht einfach einen schwarzen Anzug trägt, sondern von Kopf bis Fuß verhüllt ist, selbst sein Gesicht ist nicht zu sehen. Er schreitet entschlossen die Bühne ab und schlägt bestimmt, ja geradezu herrisch an die Türen und aus dem Ballspiel des Kindes wird das Eifersuchtsdrama um Carmen.

Es wird wuselig wie auf einem Marktplatz. Eine Gruppe junger Männer tritt auf und versucht vergebens, am Soldaten Zuniga vorbei durch das angedeutete Stadttor nach hinten zu gelangen, dann kommt Carmen im roten Kleid inmitten einer Gruppe von Frauen hinzu. Verführung, Anziehung und Abstoßung, Stolz und Leidenschaft und dazu das Gefühl, was eine Figur zeigt, ist nicht unbedingt das, was sie wirklich will, denn alle scheinen Geheimnisse zu haben. Alle bis auf Don José, bei dem sehr schnell klar ist, Carmen ist alles, was er begehrt. Und bis auf das Kind, das die Geschichte verfolgt, immer wieder vom Bühnenrand zuschaut und später sogar eingreifen wird, als wolle es Don José vor seiner Eifersucht, dem Mord an Zuniga und zuletzt an Carmen retten.

Zudem vervielfacht sich die grimmige, schwarze Gestalt, wird gar im immer düsteren zweiten Teil zeitweilig zur alles beherrschenden Kraft. Erst ließen mich das weiße Kind und die schwarze Gestalt an Leben und Tod oder Unschuld und das Böse denken, doch das greift viel zu kurz. Gewalt Aggression, die dunklen Seiten, die jede und jeder von uns in sich trägt, kommt der Sache wohl näher. Doch zugleich sind die schwarzen Gestalten diejenigen, die die Toten forttragen und dabei fast zärtlich wirken. Sind sie die Strippenzieher und Marionettenspieler, die die Fäden ziehen? Ich musste jedenfalls bald an die Schwarzen denken, wie im Puppentheater oft diejenigen genannt werden, die unsichtbar fürs Publikum die Figuren führen und so lebendig werden lassen.

Bei aller Konzentration von Ingers Version und der Fokussierung auf Don José, bei all der Energie und Schönheit, die Carmen, er und ihre jeweiligen Verbündeten und Gegner auf die Bühne bringen, am Ende sind für mich das Spannendste der Inszenierung und das, was einen bleibenden Eindruck hinterlässt, die Schwarzgewandeten und das Kind, nun ebenfalls schwarz gekleidet, das zum Schluss in verzweifelter Wut den Teddy, den es von Carmen und José zur Ablenkung bekam, zerreißt.




P.S.: Wohltuend fand ich, dass die spanischen Klischees, die gerne mal Carmen-Inszenierungen aller Art begleiten, nicht bedient wurden. Irgendwann muss ich ohnehin nachforschen, woher die Spanienbegeisterung vor allem unter französischen Komponisten und wohl auch anderen Künstlern im 19. Jahrhundert kam und inwiefern sie unser Spanienbild bis heute (mit)prägt.

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