Ptah VI

Es hat Tradition, was man an der Ordnungszahl VI erkennt, und ist doch immer wieder neu, einer Wundertüte gleich: Der Abend mit Arbeiten Junger Choreograf*innen namens „Ptah VI“, von dem ich in dieser Saison die letzte Vorstellung im Grillo-Theater sah.

Das schwarz-weiße Foto auf dem cover des Programmhefts von "Ptah VI" zeigt eine Reihe von Serienaufnahmen eines Tänzers im Sprung, die Brust vorgewölbt, die Arme hoch überm Kopf weit nach hinten geworfen, Beine und Füße nach hinten gestreckt - einem verzehnfachten menschfachen Bogen gleich, eine höchst dynamische Aufnahmen. Unter dem Titel steht klien "Junge Choreograf*innen", über dem Foto "Aalto Ballett Essen".

Es beginnt überraschend – mit einer tanzenden Stehlampe, die „A Light Play“, die Choreografie von Kieren Bofinger, ankündigt. Kurz darauf erscheint im Bühnendunkel ein Tänzer mit einer Lampe und etwas zwischen getanztem Monolog und gesprochener Akrobatik beginnt, ungewohnt, elegant, teils hypnotisch. Es geht um die Geschichte hinter Olivier Messiaens „Quartet for the End of Time„, das in einem Kriegsgefangenenlager der Nazis entstand und dort auch uraufgeführt wurde. Später kommen weitere Tänzer hinzu, auch ein Geiger und ein Paar, das so innig mit einem Luftballon tanzt, dass man es einen Pas de trois nennen möchte, Klavierspiel, und in einem Zwischenspiel auch weitere tanzende Stehlampen, als nämlich die erste von ihnen aboslut hinreißend Edith Piafs „La vie en rose“ verkörpert. Nicht alles verstehe ich unmittelbar, manches erscheint mir etwas viel oder zu lang, aber alles in allem ist es wie ein Miniaturabend in sich – und wann hätte ich je am Ende eines Ballettstückes gedacht, ich muss unbedingt mal wieder die Apokalypse lesen, allein wegen der poetischen Sprache?

Pas de deux mit Luftballon; Samantha Grammer und Francesco Piccini in „A light Play“ von Kieren Bofinger (Foto Jeszek Januszewski)

„Qiankun“, choreografiert von William Emilio Castro Hechavarría, ist in gewisser Hinsicht das glatte Gegenteil: Ein Bühnenbild bestehend aus zwei Dreiecksformen und einer Art Leinwand, ein Tänzer, eine Tänzerin, die ausgesprochen dynamisch zu ausgeprägt rhythmischer Musik miteinander agieren. Da sie dabei immer wieder hinter den geometrischen Elementen ‚abtauchen‘, und den Raum zwischen diesen wie eine Bühne auf der Bühne nutzen, schießt mir die Frage in den Kopf wie viel beim Tanz eigentlich mit „now you see me, now you dont“ zu beschreiben wäre. Ich komme allerdings nicht dazu, weiter darüber nachzudenken, weil mich Seane Shirae und Dale Rhodes mit ihrer Kunst gerade zu sehr gefangen nehmen.

Tanz und Geometrie - vor eine leuchtend grünen Kresi im Hintergrund stehen zwei Dreiecke einander so gegenüber, dass ihre senkrechten Seiten eine Art Druchgang bilden. Dahinter steht ein Tänzer in weiß, breitbeinig, das recht angewinkelt, das linke gestreckt, die Arme parallel zum boden ausgebreitet. Vor dem rechten Dreieck steht eine Tänzerin im roten Body in ähnlicher Haltung, nur dass sie die Unterarme senkrecht nach unten abgewinkelt hat.
Dale Rhodes und Sena Shirae in „Qiankum“ von William Emilio Castro Hechavarría.
Foto: Leszek Januszewski

Igor Volkovskyys erstes Stück des Abends „Khooee“ ist nach zwei Tagen in meiner Erinnerung leider etwas verblasst. Um eine Paarbeziehung sollte es darin laut Klappentext gehen, und die Stadien, die eine solche durchläuft. Ich weiß noch, dass ich mich für einen kurzen Moment wunderte, warum es dann vierzehn Menschen auf der Bühne braucht. Doch dann dürfte mich das aktuelle Geschehen auf der Bühne von weiterem Grübeln abgelenkt haben.

Samantha Kate Grammer thematisiert in „I(s)land“ ihr Heimat Neuseeland und die Gefühle und Reaktionen zweier Menschen auf eine neue Erfahrung. Ein sehr konzentriertes, manchmal absraktes, aber durchaus sehenswertes Stück.

Ein Mann steht in weißer Unterwäsche und Zylinder im Spotlight vor einer Leinwand, auf der der Kopf einer dunkelhäutigen Frau überlebensgroß zu sehen ist. Sie blickt im Profil nach links, er nach rechts - ein Bild zweisamer Einsamkeit?
Einsam zu zweit? Enrico Vanroose in „Tuesday“ von Igor Volkovskyy Foto: Leszek Januszewski

„Tuesday“, das zweite Stück von Igor Volkovsky, erinnerte mich nicht nur wegen des Mannes mit Zylinder, der in einem langen Body wie aus einem Western steckte, an eine Art trauriges Varieté oder vielleicht auch nur an einen melancholischen Traum. Was genau seine Interaktion mit der Tänzerin auf der Leinwand zu bedeuten hat, worin genau der Zusammenhang zwischen Einsamkeit und Corona als Entstehungszeit, die im Programmheft erwähnt werden, und Virginia Woolfs Abschiedsdbrief besteht, blieb mir unklar: War es ein Traum? Eine Vision am Ende des Lebens? Ich weiß es nicht, doch es war interessant anzuschauen, selbst wenn es Längen hatte.

Zwei Tänzer, eine Frau und ein Mann, in schwarzen Hosen und strahlend weißen Unterhemden auf einer dunklen Bühne. Er kniet rechts und umschlingt ihre Knie, während sie sich weit nach links bzw. nach hinten beugt, die Arme im selben Winkel ausgestreckt wie die seinen umarmenden. Etwas weiter zur Bühnenmitte links von ihr liegt eine rote Rose auf dem schwarzen Bühnenboden.
Intensive Zweisamkeit: Samantha Grammer & David McMillan Mikkelsen in der Choreografie „For you“ von Mariya Tyurina Foto: Leszek Januszewski

„For You“ von Mariya Tyurina kommt dagegen ohne verbale Sprache aus. Samantha Kate Grammers und David McMillan Mikkelsens Duett zu Armin van Buurens „Longing“ verband perfekt die universellen Sprachen von menschlichen Gefühlen, Tanz und Musik.

Frauensolidarität - drei Tänzerinnen in Hosenkleidern, zwei leuchtend rot, eines olivgrünschimmernd, stehen auf einem bein, das andere zu einem gezielten Highkick nach oben gestreckt, die Oberkörper kraftvoll leicht nach hinten geneigt - ist das Abwehr, Selbstverteidigung? Allemal Selbstbehauptung.
Weibliche (Gegen)Kraft: Giulia Cacciatori, Silvia Insalata und Paola Rihan in „Silent violence“ von Harry Simmons. Foto: Leszek Januszewski

In „Silent Violence“ greift Harry Simmons unterstützt von Helen Amber Berges mit Gewalt gegen Frauen und Femiziden ein gewichtiges Thema auf, das die Tänzer Giulia Cacciatori, Silvia Insalata, Paola Rihan, Paul Faure, David McMillan Mikkelsen und Francesco Piccinnin so konsequent wie anschaulich, dabei berührend und sogar überraschend auf die Bühne bringen. Schade, dass die vielen, teils wiederholten Zitate aus einem entsprechenden Sachbuch das Ganze für mein Empfinden viel zu oft unterbrechen. Die Wucht und Dringlichkeit des Themas und die Notwendigkeit der Solidarität kommt auch ohne das für mich rüber.

„From Red to Blue“ von Julia Schalitz, ein abstrakter Tanz im Dunkel zwischen blauen und roten Leuchtstäben mit einem vorhersehbaren Schlussgag sagte mir dagegen leider wenig, obwohl ich nichts gegen Abstraktion und puren Tanz habe und die Tänzerinnen sicher ihr Bestes gaben und die Choreografin ebensolches im Sinn hatte.

Wie ein Pfeil schnellt Obi wan kenobi (getanz im grünen Kostüm von Yuik Kishomoto) von rechts unten nach links oben über die Bühne und Darth Vader (David McMillan Mikkelsen) kann nur noch böse schauend herumstehen.
Ein Kampf zwischen Gut (Obi wan kenobi) und Böse (Darth Vader) – Yuki Kishimoto und David McMillan Mikkelsen in der Choreografie „A new hope“ von Dale Rhodes.
Foto: Leszek Januszewski

Doch dann kam „A New Hope“, Dale Rhodes‘ krönender Abschluss des Abends: Star Wars als getanzte Parodie, wer hätte gedacht, dass so etwas möglich ist? Die Choreografie ist ein wahres Feuerwerk an einfällen, kongenial unterstützt von Bühne, Licht und Kostümen. Die Tänzer agieren mit Präzision und Lust am Spiel – besser, mit mehr Witz und Charme, Gelächter und Applaus hätte dieser Abend nicht enden können. Bitte mehr davon!

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