Lektürenotiz: „Englischer Sommer“

Zugegeben, in der aktuellen Hitzewelle des aktuellen Hitzerekordjahres liest sich der Titel „Englischer Sommer“ verführerisch. Dass dieses Taschenbuch aus dem Jahr 1980 stammt und posthum herausgegebene, kürzere Werke Raymond Chandlers in der Übersetzung von Wulf Teichmann und Hans Wollschläger versammelt, legt die Vorstellung kühler, leicht verregneter Sommertage nahe. Leider kann ich nicht einmal bei der titelgebenden Geschichte, in der sich eine englische Dame ganz undamenhaft ihres Gatten entledigt und dabei ungefragt den amerikanisch-naiven, ehrenhaft-coolen Ich-Erzähler benutzt, von erfrischenden literarischen Erkenntnissen sprechen.

Auf schwarzem Grund ist eine Frau in weiß zu sehen, die mit ihrer Pistole auf den Betrachter zielt. Bubikopf, Hut und Make-up deuten an, dass wir uns in den 1920ern oder 30ern befinden müssen. Über ihrem Kopf sind in Gelb der Name des Autors und darunter der Titel zu lesen - ein typisches Diogenes-Cover aus der klassischen Krimireihe.
Auf wen zielt sie – und vor allem; auf wen zielt das Buch – tatsächlich?

Stattdessen bestätigte das Buch fast all meine Vorurteile in Sachen Raymond Chandler vor allem, wenn mir dieser in Übersetzungen ins Deutsche präsentiert wird, die aus dem letzten Jahrhundert stammen: als versuchten mittelalte Männer in beigen oder braunen Samtcordsakkos mit Ellbogenschonern „cool“ zu klingen. Wobei das nur bedingt die Schuld der Übersetzer ist; bereits Chandlers Blick auf die Menschen im Allgemeinen und die Frauen im Besonderen ist in meinen Augen einigermaßen schräg, weil verzerrt von dem unbedingten Willen, der geschilderten Welt seinen stilistischen Stempel aufzudrücken, ob der nun zum Dargestellten passt oder nicht.

Gewiss, das mag man(n) als Geschmackssache abtun; wir finden nicht alle dasselbe komisch, warum sollten wir also alle dasselbe als ‚cool‘ oder pointiert empfinden? Da mögen Chandler und ich jeweils Kinder unterschiedlicher Zeiten sein. Für Fans seines besonderen Stils mögen die Kurzgeschichten, die die erste Hälfte des Buches einnehmen, ein nachgereichtes Geschenk sein, wo sie für mich nur mein Fremdeln mit seinem Stil bestätigen.

Wer jedoch auf den Gedanken verfiel, es sei eine gute Idee, dazu bis dato unveröffentlichte „Parodien, Skizzen, Notizen“ zu gesellen, ohne zu bedenken, dass nicht alles, was Schriftsteller aufschreiben, automatisch zur Veröffentlichung gedacht ist, ist mir schleierhaft. Abgesehen von dem Zeitungsartikel „Waren unter Zollverschluss“ (Bonded Goods) über Ian Flemings „Diamonds Are Forever“ ist dieser Teil des Buches verzichtbar.

Interessant für mich als Filmwissenschaftlerin und Drehbuchautorin war es dagegen, Chandlers Blick auf die Traumfabrik in den beiden Hollywoodaufsätzen „Oscar-Abend in Hollywood“ und „Abschied mit Vorbehalten“ nachzulesen. Aber wie viel das Menschen ohne ein solch spezielles Interesse – das Hollywood um die Mitte des vorigen Jahrhunderts scheint mir kaum ein massentaugliches Thema zu sein – gibt, vermag ich nicht zu sagen.

Fazit: Chandler-Fans und Chandler-Forschende mögen in diesem Buch das eine oder andere finden. Für die meisten anderen Menschen dürfte gelten, was für mich ganz generell bei diesem Schriftsteller gilt: Wir sind einfach nicht die Zielgruppe.

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