Lang lang kurz – kurz kurz lang

Was haben Christine de Pizans autobiografische Schriften „Ich, Christine“ (Aviva 2024), Anja Liedtkes Nature Writing „Der Himmel ist altes Silber“ (Dittrich 2023) und Elif Shafaks Roman „Der Geruch des Paradieses“ (Kein & Aber 2016) gemeinsam – außer dass ich diese drei Bücher kurz nacheinander beendet habe?

Die beiden erstgenannten Bücher sind mit 137 bzw. 187 Seiten eher schmale Bändchen, Shafaks Roman kann man mit den 550 Seiten der Übersetzung von Michaela Grabinger durchaus als Schmöker bezeichnen. Und doch habe ich mehrere Monate gebraucht, um sowohl die autobiografischen Texte als auch das Nature Writing zu lesen, während ich nur einen einzigen Tag im „Geruch des Paradieses“ verweilte.

Bei Christine de Pizan (herausgegeben und übersetzt von Margarete Zimmermann) war es eine mehr oder minder bewusste Entscheidung. Zum einen sind die darin versammelten Texte Ausschnitte, meist einzelne Kapitel, manchmal auch nur Passagen aus solchen, was zum ‚häppchenweisen Lesen‘ einlädt. Zum anderen ist die Schriftstellerin, die im 14. Jahrhundert geboren wurde und als erste Frau gilt, die von ihrem Schreiben leben konnte, mir zugleich nah wie fern – nah in der Arbeit und im Denken, fern was historischen und gesellschaftlichen Kontext angeht -, da tendiere ich leicht dazu, zu hastig zu lesen und darüber zu viel zu verpassen. Was wirklich schade gewesen wäre, denn sowohl Christines Leben als auch ihre Sprache, mit der sie sich Gehör bei den Mächtigen und Klugen ihrer Zeit verschafft, sind es wert, genau gelesen zu werden. Erst recht, wo Margarete Zimmermann ihre zusammenfassenden Überleitungen und einordnenden Zwischentexte so gekonnt mit Pizans Originalpassagen verwebt, dass ein Ganzes entsteht. Am Ende meiner langsamen Lektüre dieses kurzen Werkes weiß ich, dass ich mehr von Christine lesen will – ob ich mich gleich in ihr berühmtestes Werk „Die Stadt der Frauen“ stürze oder vielleicht noch einmal „Ich, Christine“ lese, um mich danach zwischen „Der launischen Fortuna“ und „Christines Visionen“ als nächstem Schritt zu entscheiden, ist noch offen.

Allen, die sich für weibliche Perspektiven auf das 14. und 15. Jahrhundert, die Geschichte der Literatur aus weiblicher Sicht oder philosophisches Schreiben interessieren, sei Christine de Pizan unbedingt empfohlen.

Anja Liedtke begegnete ich das erste Mal in persona bei einer Lesung hier in Essen. In der Reihe „Ferngespräch“ war sie gemeinsam mit Marion Poschmann angetreten, um über Nature Writing zu sprechen und aus eigenen Werken vorzulesen. Dabei faszinierte mich ihre Arbeitsweise: Bei Wanderungen in der Natur versucht sie, alles in sich aufzunehmen und zeitgleich in Sprache zu verdichten, in dem sie ihre Beschreibungen des Beobachteten noch laufend auswendig lernt – ein Verfahren, das mich entweder komplett überfordern oder ausschließlich zu Haikus oder vielleicht akrostichonartig verdichteten Kurztexten führen würde. Das machte mich neugierig, und wo „Der Himmel ist altes Silber“ an der Ruhr, also quasi hier ums Eck, beginnt, lag nichts näher, als mit genau diesem Buch zu beginnen …

Liedtke spürt darin ihren Naturerfahrungen nach, den Momenten, in denen sie sich selbst im Begreifen der Natur spürt, so beschreibt sie es in ihrem Vorwort. Auf die „Ruhrnatur“ (so eine Kapitelüberschrift) mitsamt einem regelrechten Jahresverlauf folgen verschiedene Reisen, etwa an die Schlei, die Ostsee, in die Algarve, nach Italien, Tschechien, Polen und Wales, zum Indian Summer nach New England, zurück nach Deutschland, durch die verschiedensten Landschaften, um schließlich in Bayrisch Eisenstein zu enden.

Mir schwirrt der Kopf, wenn ich diese Reisewege so skizzenhaft nachzeichne. Sie skizziert in gewisser Weise ebenfalls, denn letztlich hält sie alles, was ihr begegnet, in Momentaufnahmen fest. Viele davon erinnern an zarte Zeichnungen nach der Natur, wie es sie seit dem 18. Jahrhundert gibt: zugleich exakt wie ästhetische gelungen, berühren sie und machen die beobachtete Natur greifbar, wie etwa diese auf S. 102 im Unterkapitel „Sommerenden in Angeln“:

„Die Unterseite der Wiesenschaftstelze glüht gelb in der Abendsonne. Zierlichen Schrittes und wippenden Schwanzes trippelt sie über den Ackerweg und schnippt Insekten weg von Halmen und Staub.“

Gut, man könnte die Stirn runzeln, wie klein Insekten wohl sein müssen, damit man sie von Staub wegschnippen kann und sich fragen, ob das menschliche Auge in der Lage ist, das wahrzunehmen, aber das Bild an sich, der Eindruck ist einprägsam. Andere Stelle dagegen lassen mich stolpern, wie etwa diese aus der Reise den Wupperweg entlang auf S. 160:

„Licht und Wasser dialogisieren auf der Leinwand von Ahornbäumen. Ein Eisvogel schrillt und pfeift stahlblau vorbei. Die Wasseramsel knickst auf unbeflutetem Stein.“

Das nenne ich mal Wille zur übertriebenen Form – frei nach dem Motto, wieso einfach sagen, was ist, wenn man es auch unnötig kompliziert unscharf umschreiben kann. Was bitte setzen Licht und Wasser dramatisiert als Dialog um, und warum geschieht das nicht etwa auf einer Bühne, sondern einer Leinwand, die dann auch noch aus etwas weder flächigem noch monochromen besteht wie Ahornbäume? Dass der Eisvogel schrill pfeift und stahlblau ist, geschenkt, aber für gewöhnlich schrillen Dinge, keine Lebewesen, und vorbei pfeifen – soll das etwa das Bild eines pfeilschnellen Vorbeiflugs erzeugen? Aber wenn das so wäre, ließe sich das nicht klarer, direkter sagen? Und dann auch noch der unbeflutete Stein, also schlicht einer, der aus dem Wasser rausragt oder an dessen Rand ist, ernsthaft?

Alles in allem hinterlässt mich das Buch ratlos. Viele Beobachtungen erzeugen Bilder im Kopf und lassen beim nächsten Gang draußen genauer hinschauen. Und die Zeichnungen von Sabine Hey, ob die Mücke auf dem Cover oder Illustrationen wie die Amsel und andere Tiere im Buch selbst, sind kleine Kunstwerk mit ganz eigenem Werk. Doch nicht einmal ihnen gelingt es, aus all den vielen Einzelbeobachtungen, gelungen oder irritierend verkünstelt, ein Ganzes entstehen zu lassen. Dieses Buch musste ich in kleine Portionen unterteilt lesen, ich hätte es sonst aus dem Fenster geschleudert, weil es mir zu viel geworden wäre, zu viel vom selben mit zu wenig Zusammenhalt.

Vollkommen anders erging es mit mit Elif Shafaks Roman, den mir mein ‚Lieblingsverwandter‘ zum Geburtstag geschenkt hatte. Da „Der Geruch des Paradieses“ zu schwer ist, um ihn per Öffis zu Arzt- und anderen Terminen mitzunehmen (wie es sich etwa bei „Der Himmel ist altes Silber“ anbot), musste ich allerdings eine Weile auf eine gute Gelegenheit warten. Diese ergab sich, als es im Zusammenhang mit einer Arthrosebehandlung am Knie hieß, ich solle nicht nur dabei sondern den ganzen restlichen Tag das Bein hochlegen und mich möglichst wenig bewegen. Das ließ ich mir nicht zwei Mal sagen und tauchte tief ein in die Geschichte von Peri, die auf dem Weg zu einer Dinnerparty in Istanbul auf der Straße überfallen wird, und anschließend von ihren Erinnerungen eingeholt wird. Geschickt verknüpft Shafak Vergangenheit und Gegenwart, das Aufwachsen in den 1980ern zwischen religiöser Mutter und säkular-saufendem Vater unter den repressiven Bedingungen nach dem dritten Militärputsch einerseits und andererseits die kaum weniger erstickende Gesellschaft unter Erdogan im Jahr 2016, als ein weiterer, aber verhinderter Militärputsch dessen Macht verdächtig festigte. Das Scharnier dazwischen liegt allerdings im Westen, als Peri in den ersten Jahren des neuen Jahrtausends als Studentin nach Oxford geht und dort in einen handfesten Skandal gerät.

Shafak ist eine mitreißende Erzählerin, die mich zumindest der Wirkung nach an Rafik Shami erinnert oder auch an klassische Werke orientalischer Erzählkunst, die stets danach rufen „nur noch ein Kapitel“ oder „noch eine weitere Geschichte“, weil man lesend so ganz gefangen ist in der erzählten Welt und sie unter keinen Umständen verlassen möchte. Was für ein Luxus, ein solches Buch an einem Tag zu lesen, an dem genau das möglich ist. Und was für ein Geschenk, im anhaltenden Nachhall der Geschichte nicht nur mehr von Elif Shafak lesen zu wollen, sondern die bereits versammelten, noch ungelesenen Bücher plötzlich lang nicht mehr gekannter, gänzlich unverhohlener Leselust zu betrachten!

Deshalb – entschuldigt, dass ich so viele Wort über diese drei ganz unterschiedlichen Bücher machte. Falls jemand bis hierher mitgelesen hat und eigene Ansichten teilen mag, hinterlasst einen Kommentar. Ich stürze mich jetzt in mein Tagwerk in der Hoffnung, zwischendrin möglichst viel Zeit für meine Lektüren zu finden …

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