Ausgelesen: lost in the 4rest

Experiments in Kishotenketsu hat Garret Ray Harriman sein 2016 erschienenes Buch „lost in the 4erst“ untertitelt. Als ich Anfang 2025 zum ersten Mal dem Begriff Kishotenketsu begegnete, der eine auf 4 ‚Akten‘ oder Elementen basierende Art des Erzählens bezeichnet, die ohne Konflikt auskommt, war Harrimans Buch das einzige, das sofort zu haben war, also bestellte ich es. Jetzt habe ich es ausgelesen.

Das längliche, dünne Taschenbuch liegt auf einer hellbraunen Bambusmatte. Das Cover des Buches ist in warmen Orange- und Brauntönen gehalten und zeigt eine bergige Landschaft von einem der Gipfel betrachtet. Am linken Bildrand strebt eine große Kiefer in die Höhe, nebeben ihr steht ein dürrer junger Baum. es scheint sich um ein chinesisches oder japanisches Aquarell zu handeln und strömt mit seinen reduzierten Formen und der Andeutung von Morgenlicht eine gewisse Stille der Einsamkeit aus. Zwei Vögel fiegen nach rechts bzw. nach rechts unten aus dem Bild. Laut Credits im Buch ist der Titel des Bildes "Jomoku ni suzu", was so viel heißt wie "Bells hanging from a tree"

Dass das so lange dauerte, hing vor allem mit zwei Dingen zusammen: Ich hatte auf Erklärungen zu Ursprung und vor allem Anwendung von Kishotenketsu gehofft und gedacht, die Experimente aus dem Titel verwiesen auf Übungen für die Lesenden. Tatsächlich gibt Harriman zwar eine kurze Einführung in die vierteilige Struktur aus Einführung (Ki), Entwicklung (Sho), Twist bzw. überraschendes, neues Element (Ten) und Auflösung bzw. Zusammenführung aller Elemente (Ketsu), doch die dient lediglich als Hintergrundinformation zum besseren Verständnis seiner Experimente mit dieser Form.

Tatsächlich handelt es sich nämlich bei den in vier Kapiteln oder Abschnitten aufgeteilten, jeweils aus vier Sätzen bestehenden Prosastücke um seinen Weg zurück zum Schreiben (und heraus aus einer Krise): Er nahm sich vor, eine gewisse Zeit lang jeden Tag eine Geschichte oder einen Text in dieser Form zu schreiben und zu posten. Das wichtigste an der Form ist dabei für ihn Ten, das Element der Überraschung, das uns aus unseren Erwartungen und alltäglichen Erfahrungen herausreißt und uns so helfen kann, die Dinge neu zu sehen. Ein erstes Beispiel aus dem ersten Abschnitt Ki dafür ist „View“:

I’ve been busy. So busy. Yesterday a bird ricocheted off my office window, broke it’s neck (presumably), then fell twenty stories and stained the pavement with feathers and blood (again – presumably, I didn’t leave my desk). Tom, my office mate, just reminded me this room has no window.

Garrett Ray Harriman, „lost in the 4reset“, p. 15

Bemerkenswert finde ich den Kontrast zwischen der Kürze der ersten beiden Sätze, die in eine vermutlich allen bekannte Situation einführen – zu viel Arbeit, zu viel zu tun, zu viel im Kopf – und der Ausführlichkeit, mit der das überraschende Elemente des Unfalls des Vogels geschildert wird, sodass dieses beinahe schon zu einer Geschichte in der Geschichte wird. Und dann der knackige Schlusssatz, der die Überraschung des Vorangegangenen noch einmal überraschend wendet.

Ganz ähnlich sieht es auch im zweiten Beispiel aus dem zweiten Kapitel Sho aus, das mit „Talent“ überschrieben ist:

Her pupil’s fingers traversed the piano like they were discovering new lands, making unearthly leaps over entire valleys of sound no ordinary child should have mustered. „Wonderful, dear“, she praised, cupping his shoulders, „you’re on perfection’s edge.“ She let his music carry her to the world outside the studio, to the masses, virulent with the deafening parasites, patrolling soundless streets. He played numb to the beauty abounding from his performance, while his teacher, all ears, wept against the window.

Harriman, „lost in the 4rest“, p. 63

Eine zugleich fremde wie vertraute Welt scheint in diesen vier Sätzen auf, eine Dystopie im Miniaturformat mit poetischem Klang. Etwas ganz ähnliches geschieht in „Loss“ im vierten Kapitel Ketsu:

„Lunch, honey!“ she called from the kitchen. With a practiced flip, she plated a grilled cheese sandwich, filled a bowl of steaming tomato soup, and balanced her way to his bedroom door. She knocked an enterd, tiptoieing past hundreds of identical dishes, oblvious to the rotting, hot-box stench, and puzzled todey’s meal onto a corner of the empty bed. „That stubborn boy“, then returend to the dining table and the meal she wouldn’t eat.

„lost in the 4rest“, p. 111

Beklemmend, nicht wahr? Und das, obwohl man Worte nicht riechen kann und wir nicht wissen, was wirklich geschehen ist, ob hier der Alltag nach dem Horror des Verlustes des eigenen Kindes geschildert wird oder wir uns vielleicht mitten in einer Horrorgeschichte befinden.

Überrascht hat mich an Harrimans Buch, das neben brillanten Beispielen naturgemäß auch solche enthält, die mir rein gar nichts sagten und als formale Experimente übertrieben und unglaubwürdig erschienen, am Ende zweierlei: Es mögen lauter Kürzesterzählungen sein, doch sie lesen sich besser, wenn man mehrere von ihnen hintereinander liest und sich so selbst erlaubt, in einen Flow zu kommen. Und ausgerechnet im Abschnitt Sho, wo es um das überraschende Elemente gehen sollte, drängte sich mir kein Text als besonders auf.

Was natürlich alles nichts heißen muss, denn wer weiß, wie es andere lesen. Viel Freude beim Entdecken! 🙂

Dieser Beitrag wurde unter Schreibkram abgelegt und mit , , , , verschlagwortet. Setze ein Lesezeichen für den Permalink.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert