Beeindruckende Ballettpremiere: Relations

Umwerfend, berührend, auch komisch, voller Momente, Bilder und Eindrücken, die mich noch am nächsten Tag nach Atem und um Worte ringen lassen, dazu ungemein gedankenanregend – das ist die kürzeste Form, auf die ich mein Erleben der gestrigen Premiere von „Relations„, dem Tanz-Triptychon mit Werken von Jiří Kylián und Johan Inger am Aalto Theater bringen kann.

Eine Tänzerin in einem schwarzen langen Kleid mit einem breiten roten Streifen in der Mitte beugt sich auf einem Bein stehend zur Seite in eine geschwungene Standwaage, wobei ihre über dem Kopf halb rund gehaltenen Arme ihr fast etwas von einem Schwan geben. Ihr Partner steht in einer Art Plier, also mit gebeugten Knien, hinter ihr und hat seinen Kopf an ihren Rücken gelehnt. Sein einer Arm liegt auf ihrem hinteren, der andere an ihrem nach oben gestreckten bein. Sie schaut nach unten, er direkt nach vorn in die Kamera.
Konzentriert und eigentlich ganz klassisch, wäre da nicht sein Blick, der den der Betrachtenden bannt. Eine Moment in „Forgotten Land“ von Jiří Kylián mit Kieren Bofinger und Mariya Tyurina (Foto: Bettina Stöß)

Es beginnt mit „Forgotten Land“, einer Choreographie von Jiří Kylián aus dem Jahr 1981, die er aus Benjamin Brittens „Sinfonia da Requiem“ entwickelt hat. Ein Land am Meer, Weite, in der man sich verlieren könnte, so vermittelt es der Bühnenhintergrund (John Macfarlane) mit seinen Farbverläufen. Vielleicht bleiben deshalb die sechs Paare durchweg so sehr auf ihren jeweiligen Partner fokussiert, egal, welche Stimmungen und Tempi-Wechsel sie durchlaufen? Wer weiß, vielleicht retten sie, indem sie unsere Blicke auf sich ziehen und festhalten, auch ein Stück weit uns? Mag sein, dass manchmal nicht alle zu 100 Prozent synchron agieren, es kann einem jedoch allemal schwindelig werden angesichts der athletischen Herausforderungen, die die Choreografie den Tänzern abverlangt, und man kann nur den Hut ziehen vor ihrer Leistung.

Vier weiße Rechtecke aufgespannt wie Segel, zwischen ihnen schlitzartige Öffnungen, beherrschen die Bühne. Ein Tänzer in purpurfarbener Hose neigt sich vor dem zweiten diagonal zur rechten Seite. Durch die Öffnung in der Mitte gleich neben ihm sieht man den Oberkörper einer Tänzerin in violetter Corsage, die sich mit angelehntem Arm parallel zu ihm neigt - eigentlich ein unmöglicher Winkel, sodass sie fallen müsste.
Traumartige Begegnungen mit dem oder im Unterbewussten? „Sleepless“ mit David McMillan Mikkelsen & Paola de Oliveira Rihan (Foto: Bettina Stöß)

Nach der Pause geht es weiter mit „Sleepless“, ebenfalls von Jiří Kylián (UA 2004). Auf den ersten Blick mag es (noch) abstrakter wirken mit der Bühne aus 8 weißen ‚Stoffbahnen‘, die einander überlappen und nicht von ungefähr an die Arbeiten von Lucia Fontana erinnern, der seine Leinwände zu zerschlitzen pflegt. So hält bei ihm die dritte Dimension Einzug in die Malerei und Jiří Kylián schafft auf der Bühne ein Bild für den durchlässigen Übergang zwischen Wachen und Schlafen, Traum und Tag. Als ob man dem Unterbewussten direkt zusehen oder einen Blick mitten hinein in die Bildwelten fremder Träumer werfen könnte. Oder halt als sähe man einem Choreografen und seinen Tänzer*innen zu, wie sie mit den Mitteln ihrer Kunst Bewusstseinszustände erkunden. Die Dame, mit der ich auf dem Heimweg in der Tram sprach, wurde mit diesem Stück nicht warm, ich dagegen hatte das Gefühl, meine Konzentrationsfähigkeit und Fantastie würden beim Zuschauen zu Hochleistungen angspornt.

Ein Mann in Hemd und Hose steht im hellen Licht an eine Wand aus Holzbrettern gepresst da und schaut einer Gruppe von schattenhaften Männern mit Mänteln und Hüten nach, die hinter einer Frau in einem Kleid herlaufen.
Freudenlauf oder Angstlust? Auf jeden Fall eine Szene aus „Walking Mad“ (mittig: Enrico Vanroose, Tänzer*innen der Aalto-Ballettcompagnie – Foto: Bettina Stöß)

Ansporn, Drive und Hüte, ließe sich augenzwinkernd anschließen, all diese Elemente finden sich erst recht im dritten Teil des Abends. Johan Ingers „Walking Mad“ (U.A. 2001) beginnt mit einem suchenden Mann mit Hut im Publikum (Enrico Vanroose), der wohl nicht zufällig an Charlie Chaplin denken lässt. Schließlich findet er den Weg auf die Bühne und begegnet einer Frau (Mariya Tyurina), die Kleidungsstücke vom Boden aufsammelt. Seine erste zaghafte Annäherung läuft ins Leere, denn sie verschwindet hinter der Holzwand – und dann nimmt das Stück als mal komische, mal wilde, gelegentlich verzweifelte Interpretation von Maurice Ravels „Boléro“ richtig Fahrt auf. Das lässt sich nicht nacherzählen, da hinkt jeglicher Versuch, es in Prosa einzufangen, hoffnungslos hinterher. Doch das zu sehen ist pure Freude, reiner Genuss und immer auch ein Spiegel, hinter dem man sich selbst in seinen Emotionen und Lüsten erkennen kann, wenn man mag.

Das ist so stark, dass so manchem sicher der letzte Teil zu Arvo Pärts ruhigen Klavierstück „Für Alina“ durchgehen mag (als Ohrwurm folgte mir jedenfalls der „Boléro“ nach Hause in die Nacht). Doch die Wiederbegegnung des Mannes und der Frau vom Anfang, die sich nun doch aufeinander einlassen, bevor sie schließlich voneinander lassen (müssen), war für mich der wohl berührendste Moment des Abends.

Am Ende dann lang anhaltender Applaus und stehende Ovationen, dazu der Wunsch, wiederzukommen (und sich obendrein endlich Ingers „Carmen“ anzusehen), was will ich mehr? Außer vielleicht die Muße, tatsächlich zu versuchen, sich lyrisch diesen Tanzstücken zu nähern – oder womöglich malend. Doch das ist dann wirklich eine ganz andere Geschichte und einstweilen sollten Sie sich besser Karten für „Relations“ besorgen, bevor alle Vorstellungen ausverkauft sind!

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