Mit starkem Nachhall: „Recitatif“

Es ist schon eine kleine Ewigkeit her, dass ich das letzte Mal etwas von Toni Morrison las. In meinem zugegeben überfüllten und von daher nur bedingt übersichtlichen Bücherregal mit der Belletristik zeigt sich das allein schon daran, dass dort die deutschen Ausgaben von „Solomons Lied“ und „Sehr blaue Augen“ stehen, zwei ihrer Bücher aus den 1970ern, mit denen ich sie in den frühen 1980ern kennenlernte. Wo „Sula„, „Tar Baby“ und vor allem „Jazz“ abgeblieben sind, frage ich mich … aber hier und jetzt soll es ja um „Recitatif“ gehen, der einzigen Kurzgeschichte von ihr, die 1983 zum ersten Mal erschien, und die ich nun endlich in der Penguin Random House Ausgabe von 2022 gelesen habe.

Das bunte Cover von toni Morrisons "Revitatif" zieren organisch gerundete Flächen in gebrochenen Farben, die sich teils überschneiden Wo dies geschieht, entstehen Mischtöne. Zwei rote Linien durchqueren gebogen und leicht wellig das Bild - die eine in der linken Ecke und die andere trennt das untere, dunklere Drittel vom Rest.

Gerade mal 39 Seiten hat die Erzählung von Twyla und Roberta, die als Achtjährige im Waisenhaus für ein paar Monate ein Zimmer teilen – nicht, weil sie Waisen wären, sondern weil Twylas Mutter die Nächte durchtanzt und Robertas krank ist -, und deren Wege sich im Lauf ihres Lebens noch einige Male kreuzen werden. Gekonntes Kurzgeschichtenerzählen, mag man denken, denn da liegt die Kunst ja darin, anhand von weniger, charakteristischer Momente etwas – in diesem Fall zwei Frauenleben – plastisch darzustellen. Und ja, das gelingt hier ohne Zweifel. Doch der Grund, warum diese Geschichte bis heute an vielen Colleges, in Schulen und Universitäten immer wieder zum Gegenstand wird, ist ein anderer: Die Ich-Erzählerin Twyla macht von Anfang klar, dass sie und Roberta verschiedene Hautfarben haben, doch die Autorin Toni Morrison verbirgt geschickt, wer weiß und wer schwarz ist.

Nun haben fiktionale Figuren in Erzählungen oder Romanen erstmal lediglich die Eigenschaften, die benannt oder beschrieben werden; alles andere bleibt im Dunkel des Ungesagten. Die Körpergröße mag im realen Leben für Sehende etwas sein, das man auf den ersten Blick erfasst, während die ersten tatsächlich geäußerten Worte Hörenden automatisch die Stimmlage eines Menschen wahrnehmen lassen und ob wir wen riechen können, ganz wörtlich, darüber müssen wir uns in der echten Welt normalerweise keinerlei Gedanken machen, das entscheidet sich ganz ohne unser Bewusstsein, rein instiktiv sozusagen. Dass ich von Roberta (wie von Twyla) weder etwas über ihren Geruch noch ihre Stimmen erfahre und auch nicht sagen könnte, welche Kleider- oder Schuhgröße sie haben, ist jedoch im Kontext einer Erzählung alltäglich. Ich weiß es nicht, weil es für das Verständnis der Geschichte nicht wesentlich ist.

Die Hautfarbe spielt jedoch im realen Leben eine Rolle. Auch wenn Rassismus auf an sich vollkommen idiotischen, konstruierten Annahmen beruht (allein, weil es rein biologisch betrachtet keine Menschenrassen gibt), ist er doch existent und die Ungleichbehandlung verschiedener Menschengruppen aufgrund unterschiedlicher Hautfarben ist eine reale gesellschaftliche wie individuelle Erfahrung. Mehr noch: Anders als Ridley Scott, der beim Casting für „Aliens“ keine geschlechtsspezifischen Angaben zu den einzelnen Rollen machte, weil Geschlecht keine Rolle spielen sollte in seinem Film, geht es bei Morrison auf allen möglichen Ebenen ihrer Geschichte darum, dass die Hautfarbe einen wesentlichen Unterschied im Leben der Menschen macht. Und zwar nicht nur für Roberta und Twyla, sondern vor allem für uns Lesende, die versuchen, die beiden Figuren zu verstehen und dabei feststellen müssen, dass die Hautfarbe, die wir einer Figur zuschreiben, unsere Interpretation ihrer Handlungen und Äußerungen durchaus verschiebt. Zadie Smith spielt in ihrem Vorwort verschiedene konkrete Szenarien so präzise durch, dass ich mir das an dieser Stelle sparen möchte — zumal ich allen, die „Recitatif“ vielleicht noch nicht gelesen haben, nicht die spannende Erfahrung des Aufsichselbstzurückgeworfenseins nehmen möchte.

Interessant scheint mir jedoch festzuhalten, dass es um mehr geht als um zwei Personen, zwei Hautfarben, zwei Posititonen. Indem Morrison die Dichtomie konsequent als Leerstelle behandelt, schafft sie Raum für weitere Optionen. Zum einen wird klar, dass eine Amerikanerin die Geschichte ganz anders lesen wird als eine Europäerin gleich welcher Hautfarbe – denn von außen betrachtet fehlt das Verständnis für all die spezifischen kuturellen Codes. So scheint etwa die Stadt, in der Twyla als Erwachsene lebt, unter dem Gesichtspunkt von Rasse und Rassismus betrachtet eine geradezu exemplarische Bedeutung zu haben, die sich je nach der eigenen Herkunft anders deuten lässt – für Nichtamerikaner jedoch ist es einfach nur irgendeine Stadt, nichts besonderes. Und was ist mit Kategorien wie Klasse, wie Armut und Reichtum – oder auch der Frage, ob jemand behindert ist oder nicht? Auch diese Aspekte spielen eine Rolle in Morrisons Geschichte und färben als Erfahrungsräume unsere jeweiligen Blickwinkel beim Lesen.

39 Seiten. Zwei Leben, einen Ozean von mir entfernt, beschrieben vor ein paar Jahrzehnten. Und ein Nachhall im eigenen Denken, der tief ins eigene Erleben dringt und lange, lange nachwirkt. Das muss man erstmal hinbekommen. Und jetzt entschuldigt mich. Ich muss mich dringend auf die Suche nach den verloren gegangenen Büchern von Toni Morrison machen und bei der Gelegenheit eine Liste anlegen, was ich als nächstes von ihr (und von Zadie Smith) lesen will.

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