Verlorenheit

Gestern besuchte ich meine Mutter, die ich ein paar Wochen lang nicht gesehen hatte (kaputtes Knie trifft auf ebensolche DB und wird von Freundin mit Auto gerettet). Da ihre Demenz immer schneller fortzuschreitet, war ich trotz unserer täglichen Telefonate unsicher, wie ich sie vorfinden würde. Obendrein spukte mir seit Tagen ein Gedicht im Kopf herum, was ich vor gut drei Jahren über sie und meinen Vater schrieb:

In der Schwebe

Sie schleicht
durch die Hülle ihres Daseins
ein unruhiger Geist
gefangen im Haus des alten
einst gemeinsamen Lebens

Er schwebt
zwischen Zeiten und Welten
traumschlafend am Rand des Lebens
liegende Existenz
bewegt in Erinnerung und Emotion

Geborgen in brüchigen Schalen wie Küken
auf den Moment des Durchbruchs
so warten
sie beide

Im Sommer 2023 hatte er ins Pflegeheim übersiedeln müssen und sie lebte noch allein im Haus auf dem Dorf am Fuß des Westerwaldes, in dem wir früher als vierköpfige Familie gelebt haben. Von Demenz war für meine Schwester und mich damals bei meiner Mutter noch nichts zu erkennen und doch war da eine spürbare Veränderung. Doch da sie sich beide so lange es ging gegen seinen Umzug ins Pflegeheim gewehrt hatten, sie zuvor mit seiner Pflege jahrelang schon überlastet gewesen war, schoben wir es darauf. Und dann zog sie Ende des Jahres selbst in eine altengerechte Wohnung auf dem Gelände des Pflegeheims, in dem er nur wenige Wochen später starb …

Wen würde all das nicht aus der Bahn werfen? Kein Wunder, dass sie etwas brauchte, um in der neuen Situation anzukommen. Doch sie fand Anschluss, ging zu Verabredungen, nahm mit Begeisterung jede Singveranstaltung und diverse Spielenachmittag mit und war, wie man es den Rentnern nachsagt, zeitweilig ganz schön schwer zu erreichen ob all der Termine.

Ich weiß nicht, ob die Veränderung, ihre Veränderung sozusagen im Unter- oder Hintergrund weiterging, wir sie nicht sahen, weil wir keinen Alltag teilen oder weil wir aufgrund der Situation für alles, was wir vielleicht wahrnahmen, genug andere Erklärungen faden. Ich weiß aber, dass ich noch Anfang 2025, als ich mit ihr beim Trauercafé vor Ort war, Empörung empfand, als dort jemand meine Mutter spontan als dement bezeichnete, obwohl das „D-Wort“ bereits längst der Elefant im Raum war.

Und dann begann die Sache mit dem Verlorengehen:

Aufbrechen

Sie steht an der Garderobe
vor dem Spiegel
bereits in ihren blauen Schuhen
nimmt Schal und Jacke
ihren kleinen Rucksack
schaut
steht
geht los

Durch die Flure
kreuz und quer
vorbei an vielen Zimmern
gläsernen Lichthöfen
überschreitet Schwellen
geht durch Türen
immer weiter

Schließlich draußen
im kleinen Park
den Hügel hinauf zum Teich
läuft sie weiter
mal nach rechts ihre Runde
vorbei an Einfamilienhäusern und Gärten
und zurück zum Altenzentrum
mal nach links über den Parkplatz
zur Bushaltestelle

Und dann
an manchen Tagen wenn der Bus kommt
und niemand sonst
steigt sie ein mit unbekanntem Ziel
und wieder aus
läuft weiter und weiter
bis sie wiedergefunden wird

Was suchen demente Menschen, wenn sie immer wieder aufbrechen? Immerhin, ich musste sie gestern nicht suchen, sondern traf sie am Mittagstisch an und verbrachte einen langen schönen Nachmittag mit dem Anschauen alter Fotoalben. All die Reisen und Feiern, die im Lauf der Jahrzehnte festgehalten wurden, dazu die kleinen Texte in ihrer Handschrift, die sie mir mit einem Lächeln in der Stimme vorlas – es war ein gutes Leben, auf das wir so gemeinsam zurückblickten. Und ich will gerne glauben, dass es immer noch ein gutes Leben ist für sie an diese Ort, wo sich alle so sehr um sie und ihre Mitbewohnerinnen und Mitbewohner sorgen. Selbst, wenn sie immer wieder mal aufbricht, um im Haus und im Park herumzuspuken wie ein Gespenst, ein unruhiger Geist, den noch etwas bindet, bevor er weiterziehen kann.

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