In den 2000ern war ich in diversen Jurys, in denen es vor allem darum ging, den besten Krimi des Jahres zu finden. Das war spannend, führte jedoch dazu, dass ich mich mehr oder weniger sattgelesen hatte, was das Genre angeht. Um so überraschter war ich, dass ich „Blaue Nacht“ (2016) von Simone Buchholz, das auf einem meiner ungelesenen Bücherstapel lag, jetzt gar nicht mehr aus der Hand legen mochte.

Ich mag den Sound ihrer Sprache, wortkarg und doch kreativ, cool und dabei menschlich, und ich liebe ihre Figuren: Chastity Riley, die Staatsanwältin, die selbst, wenn man sie nicht gerade aufs Abstellgleis geschoben hat, stets ein bisschen wie ein Systemfehler wirkt, als könne sie selbst nicht glauben, dass man sie das tun lässt, was sie gerade tut. Dazu Carla und Rocco mit ihrem stets vollen Café und ihrer Leidenschaft füreinander, Klatsche, Calabretta und dann noch Joe, der Ösi, der Killer, das ungewöhnliche Opfer eines brutalen Überfalls mitten auf der Straße, Rileys aktueller Fall als Opferschutzbeauftragte – wie könnte man diesen Figuren nicht folgen wollen, wohin auch immer sie die Mischung aus Melancholie und Midlife-Crisis und natürlich die Ermittlungen und die Suche nach Gerechtigkeit treiben?
Ich muss den Fall über ehemalige Kiezgrößen und deren dreckigen Geschäfte sowie immer fieseren Drogen, mit denen auch kleine Fische groß rauskommen wollen, gar nicht nacherzählen. Den darf jede und jeder selbst entdecken, wer wie ich nicht drauf fixiert ist, stets nur die allerneuesten Bücher zu lesen. Mal abgesehen davon, dass mich Krimis allein, also rein die Fälle und Plots, nach wie vor nicht reizen. Da muss schon mehr dran sein, wie eben bei Simone Buchholz, die es wirklich versteht, ihren Figuren Tiefe zu geben und auch den ekligen Typen menschliche Seiten verpassen kann, und die Sprache muss mich packen. Am besten von der ersten bis zur letzten Seite, so wie auf den 232 von „Blaue Nacht“. Was an sich auch eine gute Entscheidung ist: lieber kurz und knapp, dabei Raum für die Fantasie der Leserin lassen und dafür nicht Gefahr laufen, dass sich der Sound und die Coolness totlaufen könnten. Genug Futter, dass man unbedingt dran bleiben will, aber bloß nicht zu viel, dass ich mich gleich wieder überfresse daran. Eben genau auf den Punkt. Chapeau.
Ich hätte jetzt durchaus Lust, mal wieder tiefer einzutauchen in Simone Buchholz‘ Romane, um mit den Figuren durch weitere Hamburger Nächte zu streifen (zumindest erscheint es in meiner Erinnerung meist Nacht, aber allemal dunkel in den Geschichte um Riley). Deshalb, entschuldigt mich bitte, ich muss nachschauen, ob hier nicht doch noch einer ihrer frühen Kriminalromane aus den 2000ern rumliegt …