Kazuo Ishiguro: Klara and the Sun

Eintauchen in unbekannte Welten, die wir durch fremde Augen kennenlernen, während wir mit Wesen mitfiebern, die es in unserer Wirklichkeit außerhalb der Buchseiten nicht gibt, so ließe sich für mich die gelungene Lektüre eines Romans oder einer Erzählung zusammenfassen. Bei Kazuo Ishiguro geht die Sache gern mal einen Schritt weiter, und so sitze ich nun hier und frage mich, was sähe Klara, könnte sie mich sehen?

Das rote Cver von Kazuo Ishiguros "Klara and the Sn" hat in der Mitte ein hellblaues Rechteck, in dessen rechter oberer Ecke ein gelber Kreisausschnitt zu sehen ist - als luge die Sonne in ein Fenster hinein.

Klara ist ein AF, ein artificial friend, eine Art Roboterwesen, dafür geschaffen, einen Menschen im Kindes- bzw. vor allem wohl im Teenageralter freundschaftlich unterstützend und beschützend zu begleiten. Und sie ist die Ich-Erzählerin dieses Romans, die es liebt, durch aufmerksame Beobachtung zu lernen. Ihr Blick auf die Welt und die Menschen ist offen, neugierig, freundlich, man könnte auch sagen: naiv, voller Unschuld, böse Absichten scheint sie nicht zu kennen. Ob beim Blick aus dem Schaufenster der Ladens, in dem sie zusammen mit anderen AFs darauf wartet, von einem Menschen ausgewählt zu werden, oder im Leben mit Josie und ihrer Mutter danach, sie versucht stets zu verstehen und zu helfen. Und weil AFs mit Sonnenenergie laufen, betrachtet sie die Sonne als den großen Helfer für alle.

Wie weit in die Zukunft diese Welt gedacht ist, die uns Ishiguro durch Klaras speziellen Blick stückweise enthüllt – was etwa weitere Formen künstlicher Intelligenz und deren Nutzung wie Abelhnung angeht oder auch die tiefen gesellschaftlichen Verwerfungen, die Klara nur am Rande mitbekommt -, lässt sich genauso wenig sicher sagen wie Klaras Aussehen beschreiben. Genau genommen bin ich nicht mal sicher, wo auf dem Planeten wir uns befinden – ist meine Vorstellung einer japanischen Großstadt, in deren ländlicher Umgebung Klara später lebt, seltsam vermischt mit Erinnerungen an hügelige Landschaften in Sussex, einfach nur eine reflexhafte Reaktion darauf, dass Ishiguro ein in Japan geborener, britischer Autor ist?

Obendrein fühlte sich dieses Buch zu lesen über weite Strecken an wie sich in einem komplexen Traum zu befinden – zugleich fremd, manchmal auch exotisch, in vielem unberechenbar, und doch vertraut, ganz nah, wie ein Teil von mir. Das ging mir bereits bei anderen seiner Werke ähnlich, etwa bei „Never Let Me Go“ oder „An Artist of the Floating World„. Ob das damit zu tun hat, dass er in gewisser Weise stets schreibend um die Frage kreist, was es bedeutet, Mensch zu sein und ein Selbst, ein Ich zu haben?

Aus diesem Blickwinkel ist alles einerseits neu und fremd und andererseits genau deshalb vertraut, denn so sehr wir es auch versuchen, so sehr wir uns selbst in den Blick nehmen mögen, uns selbst, das denkende, fragende Ich können wir nie ganz, nie wirklich entschlüsseln.

Was auch heißt: „Klara and the Sun“ endet nicht, wenn man den letzten Satz gelesen hat und das Buch zuschlägt, denn dann ist es ja Teil von einem selbst geworden und wir nehmen es und seine Fragen mit in unsere Welt …

Das nenne ich nachhaltige, weil nachhallende Lektüre und ein Geschenk obendrein. Um so schöner, dass mir gerade bewusst wird, es gibt noch den einen oder anderen Roman von Kazuo Ishiguro, den ich nicht kenne, also neu entdecken darf. 🙂

Bleibt die Frage, wen oder was Klara sähe, sähe sie mich hier sitzen in meinem Morgenmantel, tippend, über sie und ihre Mitgeschöpfe sowie ihren Schöpfer nachdenkend, während die Morgensonne durchs Fenster fällt. Wie würde sie mich beschreiben, was würde sie über mich denken? Aber das überlasse ich der Fantasie derjenigen, die dies lesen … und dann zu „Klara and the Sun“ greifen.

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