By Heart: Rhapsody in Blue

Ich weiß ja nicht, wonach sich andere Menschen die klassischen Konzerte aussuchen, die sie besuchen wollen. Bei mir ist die Musik bzw. sind die Komponisten die Verlockung. Wenn dann noch der Termin passt und die Sache bezahlbar ist, bin ich dabei. So kam ich gestern zu „Hayato Sumino: Rhapsody in Blue“ in der Essener Philharmonie.

Maurice Ravel, John Adams, George Gershwin und Igor Strawinsky – was könnte ich mehr wollen? Okay, es ließ mich schon stutzen, wie früh dieses Konzert praktisch ausverkauft war (mein Geschmack scheint nicht immer massentauglich ;-)), also las ich ein bisschen nach über Hayato Sumino. Der japanische Pianist sei nicht nur hochbegabt, sondern auch ein Internetphänomen – das erklärte den Run auf die Karten. Und er liebe es, zu improvisieren. Das passte zur Musikauswahl und machte die Sache spannend. Den Namen des Orchesters jedoch nahm ich zum ersten Mal gestern vor Ort wahr: Aurora Orchestra. Aha. Sagte mir relativer Klassikbanausin nichts.

Aber ich hatte auch erstmal ein anderes Problem. Weil die Karten so begehrt gewesen waren, hatte ich für mich und meine Begleiterinnen nur noch Plätze im 2. Rang im Balkon bekommen. Akkustisch wunderbar mit steiler Draufsicht aufs Ganze – an sich nicht schlecht, bloß blöd mit kaputtem Knie und angesichts der Tatsache, dass der gläserne Aufzug nur bis in den ersten Rang fährt.

Irgendwann war die letzte Treppenstufe glücklich überwunden, die letzten Nachzüglerinnen fanden ihre Plätze und das Licht wurde gedimmt. Die Bühne unter uns deutete mit vielfachem Schlagwerk, Harfe, Orgelspieltisch, fünf Bässen und reichlich Stühlen fürs Orchester hinterm Flügel am Bühnenrand auf eine sehr goße Besetzung. Noch war es jedoch recht leer. Der einsame Trommler ganz vorn gleich neben dem Flügel legte los, lediglich begleitet von Kontrabässen und Celli. Dann betrat von links die erste Querflöte den Raum und das Hauptmotiv von Ravels „Boléro“ erklang. Von allen Seiten betraten nach und nach die Musiker:innen mit ihren Instrumenten die Bühne, die Ränge, Balkone, den Chor und auch den Saal. Als entstünde im großen Saal der Philharmonie das Stück mit all seinen Wiederholungen, Variationen und Steigerungen zum allerersten Mal aus sich selbst heraus.

Atemberaubend, geradezu berauschend war das (und zugleich bestens geeignet für analytische Betrachtungen des Aufbaus des Stücks). Enthusiastisch brandete am Ende der Applaus von allen Seiten auf. Nicholas Collon nahm den Klang auf und dirigierte nun uns während das Orchester sich auf der Bühne sammelte, baute mit uns gemeinsam den Übergang zu John Adams rasantem „Short Ride in a Fast Machine„.

Das wiederum erwies sich als die perfekte Überleitung zu George Gershwins „Rhapsody in Blue„, das Solist Hayato Sumino tatsächlich mit Improvisationen, teils gemeinsam mit dem hervorragenden Percussionisten des Orchesters, würzte. Und zugleich zeigte mir die Zusammenstellung der Stücke bislang so nicht gehörte Bezüge zwischen ihnen. Schade nur, dass Komponist und Titel des Intermezzos, das Hayato Sumino als Zugabe spielte, im Applaus untergingen.

In der Pause nutzte ich die Zeit, in der meine Begleiterinnen nach unten zur Toilette eilten, weil die Schlange auf dem ersten Balkon arg lang erschien, um über das Aurora Orchestra nachzulesen. Denn so interessant der Solist und seine besondere Interpretation von Gershwins Werk auch gewesen sein mochte, für mich war doch ganz klar das Orchester der Star. Auswendig statt vom Blatt zu spielen, dabei den Raum und das Publikum einzubeziehen, das ist ihre ganz eigene, vermutlich einzigartige Herangehensweise.

Im zweiten Teil, während Strawinskys „Sacre du Printemps„, stand fast das gesamte Orchester und es wurde eine sehr bewegte, manchmal wogende, manchmal fast tänzerische Aufführung. Auswendig spielen zu können bedeutet aber wohl viel mehr, als nicht an einen Notenständer gebunden zu sein. Vor allem, so schien es mir, bedeutet es, dass alle einander wirklich zuhören müssen, weil man eben nicht mehr Note für Note mitlesend abwartet. Es gibt der Musik ihre Unmittelbarkeit zurück und eröffnet dem Publikum damit einen neuen, anderen Zugang: Man ist dabei, wenn sie entsteht, nicht nur anwesend, während sie gespielt wird.

Okay, beim Sacre hat mir das auch gezeigt, dass Strawinskys modernistischer Ausflug in die Darstellung der Archaik für mich mit dem dazugehörigen Tanz ‚bekömmlicher‘ erscheint als ohne. Und ja, natürlich habe ich nun wieder „Boléro“ als Ohrwurm im Hirn, der sich dort doch schon nach der Premiere von „Relations“ vor 10 Tagen eingenistet hatte. Aber so glücklich und anhaltend beschwingt bin ich noch selten von einem klassischen Konzert zurückgekommen. Und eines weiß ich: Beim nächsten Auftritt des Aurora Orchestra in meiner Nähe will ich dabei sein. Egal, wer oder was auf dem Programm steht. 🙂

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