Wenn ich gerade nicht im Blog schreibe, was zugegebenermaßen sehr häufig der Fall ist, verreise ich nicht nur oder bin in meiner Arbeit versunken, ich lese auch. Diese drei Bücher waren es zuletzt: Colm Tóibín „Nora Webster“, Carmen Maria Machado „Her Body and Other Parties“ und Zadie Smith „Intimations„.



In der irischen Provinz der 1960er steht Nora Webster nach dem frühen Krebstod ihres Mannes Maurice vor der Frage, wie kann das Leben für sie und ihre vier Kinder weitergehen? Die meisten Menschen in der Kleinstadt, in der sie lebt, scheinen davon eine feste Vorstellung zu haben, während Nora noch auf der Suche ist: Was ist der beste Weg, um finanziell für das Überleben der Familie zu sorgen? Was soll sie um jeden Preis halten, für die Jungs, für sich, gar für die großen Töchter, von was kann, muss sie sich trennen? Obendrein ist da noch der Elefant im Raum – das Trauma des leidvollen Sterbens von Maurice, das sie vor allem vor den beiden Jungs verborgen halten wollte, was aber ganz eigene Folgen hatte. All das ist eingebettet in und verwoben mit der politischen und gesellschaftlichen Zeitgeschichte mit ihren immer blutigeren Auseinandersetzung in Nordirland und dem gesellschaftlichen wie politischen Ringen um Reaktionen darauf in der Republik Irland.
Allein wenn ich so den Inhalt grob zusammenzufassen versuche, merkt man hoffentlich, „Nora Webster“ ist nicht etwa noch so ein ‚tragisches Frauenschicksal erzählt als Melodram‘, sondern die Geschichte einer Selbstbefreiung. Dabei liegt für mich das Besondere u.a. darin, dass diese nicht mit einem Knall geschieht, sondern sich allmählich, fast wie in Zeitlupe vollzieht.
Colm Tóibín gelingt in seinem 2014 im Original, 2018 schließlich in deutscher Übersetzung erschienenen Roman das Kunststück, Alltägliches und Zeitgeschichtliches komplex und glaubhaft zu erzählen – als schaute man mit einer Lupe in eine Schneekugel und entdeckte eine ganze, lebendige Welt darin.
„Her Body & Other Parties“ von Carmen Maria Machado hat ebenfalls schon ein paar Jahre auf dem Buchrücken, denn die Kurzgeschichtensammlung erschien 2017. Der Körper, vor allem der weibliche Körper, spielt dabei in allen acht Geschichten zugleich eine große wie unerwartete Rolle.
In „Inventory“ etwa flieht die Protagonistin immer weiter vor einer mysteriösen Pandemie und listet erzählend die Menschen auf, denen sie unterwegs begegnet und mit denen sie (auch) sexuelle Beziehungen eingeht. „Mothers“ erzählt von einem Matriarchat, das gelegentlich seine Söhne dem Meer opfert. In „Real Women Have Bodies“ grassiert eine unheimliche Krankheit, bei der Frauenkörper nach und nach ihre materielle Substanz verlieren, bis die betroffenen Frauen am Ende nurmehr nahezu durchsichtige, geisterhafte Wesen sind. In „Especially Heinous. 272 Views of Law & Order SVU“ stehen die Hauptpersonen Benson und Stabler sowie ihre beiden bösartigen Doppelgänger im Zentrum. Die Kurzbeschreibungen der einzelnen Folgen sind so schräg, dass sie sich selbst für Menschen wie mich gut lesen lassen, die die Serie nicht kennen – auch wenn mir dabei sicher eine Menge entgeht. „The Resident“ erzählt vom Aufenthalt einer Autorin in einem Künstlerretreat, der zunehmend surrealer wird – großartig, als obwohl mir der Schluss weder einleuchtete noch gefiel.
Das ganze Buch ist definitiv lesenswert und macht Lust auf mehr von dieser Autorin, die es versteht, Kurzgeschichten so plastisch zu erzählen, dass man das Gefühl hat, einen Roman zu lesen. Falls sich das jemand fragt: Meine Lieblingsgeschichte ist gleich die erste – „The Husband Stitch“, von der ich hier jedoch nicht einen Strich verraten möchte, um niemand die Freude zu nehmen, sie selbst zu entdecken.
Zadie Smith‘ „Intimations. Six Essays“ ist das dünnste der drei Bücher (82 Seiten) und zugleich das neueste, denn es erschien 2020. Besonders daran ist vor allem, dass es sich mit den ersten Auswirkungen der Corona-Pandemie beschäftigte, als diese gerade begann. Dadurch ist es so etwas wie eine Zeitkapsel, ein intimer Einblick in einen prägenden Moment der Menschheitsgeschichte, wenn man so will. Manches wird man lesend wiedererkennen, bei anderem sich fragen, hat nur Smith das so für sich/in Amerika so erlebt oder habe ich vergessen, dass es für mich ähnlich war?
So oder so, es ist eine intellektuelle und emotionale Zeitreise an einen ‚Ort‘, den viele von uns am liebsten vergessen würden, andere nicht vergessen können – während Zadie Smith zeigt, es geht eigentlich immer darum, seine eigene Haltung zu finden. Und etwas zu tun – „Something to Do“, wie der 3. Essay überschrieben ist, in dem sie Autorenalltag und künstlerische Praxis mit dem verbreiteten Corona-Lockdown-Problem vergleicht, sich plötzlich selbst Aufgaben zu suchen, eben Dinge zu machen.