A Daughter’s Memoir lautet Untertitel und Gattungsbezeichnung von Molly Jong-Fasts Buch, in dem sie sich an ihre Mutter Erica Jong, Autorin des Welterfolgs Fear of Flying (Angst vorm Fliegen) erinnert, während diese immer mehr im (Selbst)Vergessen der Demenz verschwindet. Kein Wunder, dass eine liebe Freundin mir das Buch empfahl, wo das zunehmende Vergessen meiner Mutter mich im Schreiben meines memoirartigen Projekts stocken und stolpern lässt …

Ich besorgte mir How to Lose Your Mother umgehend, obwohl ich bis dato nichts von Molly Jong-Fast und schon ewig nichts mehr von Erica Jong gelesen hatte. Mir fällt es mal leichter, mal schwerer, einen Umgang mit der zunehmenden Demenz meiner Mutter zu finden, und es macht mich jedes Mal traurig zu erleben, wenn sie, die stets so gern las und der Sprache wichtig war, um Worte ringt, die ihr immer weniger gehorchen. Wie mochte das wohl sein, wenn es sich um eine Autorin bzw. zwei handelt – und bedeutete die Tatsache, dass Jong-Fast über das Thema ein Buch hatte schreiben können, dass sie zumindest für sich einen Schlüssel gefunden hatte, damit umzugehen? Mit diesen vielleicht etwas naiven Fragen machte ich mich an die Lektüre.
Ich erfuhr eine Menge über das Leben mit einer narzisstischen Mutter, die zudem Alkoholikerin ist, das aber ihre Lebtag genauso wenig zugeben wird, wie sie sich dem Fakt stellen wird, dass sie dement wird. Ich las viel über ein Kind, das sich nach der Aufmerksamkeit eben dieser Mutter sehnt, sie aber nur sehr selten bekommt, und das selbst einige harte Kämpfe auszufechten hat (eine schwere Schreib/Leseschwäche etwa, Essstörungen, Alkoholismus), wobei der Ruhm der Mutter, die als Autorin meist nur wenig verhohlen über ihre reales Leben inklusive das ihrer kleinen Tochter schreibt, die Sache ganz sicher nicht leichter macht. Als Kind und Jugendliche immer wieder Menschen zu begegnen, die als Leser:innen deswegen ein Vorwissen haben oder zu haben glauben, stelle ich mir höchst verstörend vor.
Dazu all die Geschichten, die sich Erica Jong zurechtlegt, die Illusionen und Luftschlösser, in denen sie lebt, an denen sie festhält wie am Ruhm, der sie gefangen hält – daraus als Tochter einen Weg zu finden, sich zudem vom eigenen Alkoholismus zu befreien, das kann nicht einfach gewesen sein und verdient ganz sicher Respekt. Kein Wunder also, dass sich der größte Teil des Buches genau um dieses Ringen dreht und darum, erst einen Umgang mit der Demenz von Mutter und Stiefvater und dann eine Haltung dazu zu finden. Denn „natürlich“ erwarten gleich eine Reihe von Menschen, dass sich Jong-Fast als Tochter persönlich um ihre Mutter kümmert …
Dass ich mir (noch) etwas anderes von dem Buch gewünscht hatte, so etwas wie allgemeinere oder übertragbare Erkenntnisse, wie man als (schreibende) Tochter mit der Demenz einer Mutter lebt, ist ganz allein mein Problem und vermutlich hätte ich es mir vorher denken können: So einzigartig, wie die Erinnerungen sind, die unsere Leben ausmachen, so unterschiedlich sind die Wege des Vergessens – und genauso steht jede Begleiterin, jeder Begleiter dabei vor der Aufgabe, eine eigene Haltung dazu zu entwickeln.