Die Geschichte zweier Schwestern mit einem ‚Mutter-Monster‘, denen ein Freibad und eine Waldlichtung als Zufluchtsorte dienen, erzählt an der Entwicklung eines Sommers, gelesen in derselben Jahreszeit – macht das aus Caroline Wahls „22 Bahnen“ eine Sommerlektüre? Ich finde schon, jedenfalls solange man damit nicht bloß zuckerwattegleiche Belanglosigkeiten meint, sondern darunter auch die Kunst, Schweres leicht zu erzählen, versteht.

Okay, da bin ich mir mit Denis Scheck und Elke Heidenreich einig, verrät der Blick auf den Klappentext (mehr Kritiken lese ich nicht, nicht bevor ich meine eigenen Gedanken dazu notiert habe). Bis das Buch per Zufall zu mir fand – weil eine Freundin glaubte, sie hätte es von mir geliehen und es mir deshalb ‚zurückgab‘ -, war Wahls 2023 erschienener Debütroman etwas, das irgendwo am Rand meiner Wahrnehmung existierte. Den Hype um das Buch konnte man ja kaum übersehen, und genau das führte bei mir dazu, dass ich es getrost vergaß. Es gab und gibt ja genug andere Menschen, die es lesen, dann muss ich ja nicht auch noch … so ungefähr läuft das bei mir in solchen Fällen instinktiv und weitgehend unterhalb der Schwelle von bewusster Wahrnehmung oder gar Entscheidung ab. Aber wo das Buch einfach so auf meinen Lesestapel gefunden hatte – meine Freundin war sich sicher gewesen, sie könne das Buch nur von mir haben, weil es anscheinend irgendwie typisch für mich ist -, wie hätte ich da anders gekonnt, als es neugierig zu lesen?
Was soll ich sagen? Drei oder vier Tage dauerte es gerade mal, die Geschichte der Ich-Ezählerin Tilda, die Mathe studiert, sich um ihre kleine Schwester Ida kümmert, mit der sie bei ihrer alkoholkranken Mutter lebt, zu lesen. Eine halbe Woche, in der ich mich in Kleinstadtleben und Schwesternbeziehung wiedererkannte, Tilda um ihre täglichen 22 Bahnen im Freibad beneidete und mich zutiefst mit Idas Angewohnheit, nur bei Regen dorthin zu gehen, identifizierte (sollte ich vielleicht auch mal versuchen, vielleicht wäre das ein Weg, mich selbst endlich mal ins Gruga-Bad zu locken?) und das ‚Monster‘ sonstwohin wünschte. Eine kleine Zeitspanne, in der ich mich täglich aufs Lesen freute und manchmal darüber manches liegenblieb. Das alles spricht für das Buch, auch wenn ich den Plottwist, also Tildas ‚Geheimnis‘ ein bisschen schwach finde, zumal es das eigentlich gar nicht braucht. Wie sich die Schwestern aus der Enge der Kleinstadt und erst recht dem unheilvollen und stets bedrohten Leben mit der alkoholabhängigen Mutter mehr und mehr befreien, das ist an sich interessant genug, das braucht keine zusätzliche Würze, um zum Weiterlesen zu verlocken.
Doch, dieses Buch war und ist für mich gelungene Sommerlektüre, eine gut erzählte Geschichte, deren Figuren fesseln. Es muss ja nicht jedes Buch auch sprachlich, stilistisch oder erzählerisch überraschend, innovativ und herausragend sein. „22 Bahnen“ war für mich auch ohne das ein paar Tage lang mein Freibad äh meine Zuflucht. Und, wer weiß, vielleicht findet eines Tages auch der Nachfolger „Windstärke 17“ den Weg zu mir ….
P.S.: Tatsächlich hatte die Schwester meiner Freundin „22 Bahnen“ geliehen … was Freud daraus machen würde, frage ich mich, aber da er bekanntlich tot ist, frage ich lieber mal meine Schwester, ob sie Wahls Roman schon gehört hat 😉