Ausgelesen: „Hey guten Morgen, wie geht es dir?“

Letztes Jahr bekam Martina Hefter den Deutschen Buchpreis, ich sah und hörte sie aus ihrem preisgekrönten Roman zur Neueröffnung von Proust im Januar lesen, bevor ich prompt im Frühling das Buch zum Geburtstag geschenkt bekam. Letzte Woche fand ich endlich die Zeit „Hey guten Morgen, wie geht es dir?“ zu lesen und nun folgt also mein Versuch zu beschreiben, wie ging’s mir mit Hefters Buch, das ich kaum aus der Hand legen mochte?

Das Cover von Martina Hefters Romam "Hey Guten Morgen, Wie Geht es Dir?" zeigt zwei klassische Figuren, vermutlich Juno und Jupiter, in barocker Umarmung. Das Buck liegt auf einem dunklen Holzregal, was das Bild auf dem Cover um so stärker leuchten lässt.

Anfangs wirkt es ein bisschen spröde, fast so, als wolle Martina Hefter die Leser:innen zugleich auf Abstand halten und dabei doch fesseln genau wie ihre Protagonistin Juno Isabella Flock es mit ihren Love Scammern hält. Als sei eine gewisse Distanz gepaart mit etwas Unsicherheit – wie weit kann man einer Erzählerin trauen, die selbst lügt, um mit Lügner zu spielen? – geradezu die Voraussetzung für Nähe und Intimität. Was, wenn ich es so aufschreibe, merkwürdigerweise spiegelgleich Junos Beziehung zu Jupiter, ihrem schwerkranken Ehemann, und die zu Benu, dem Love Scammer, mit dem sie sich auf gewisse Weise anfreundet, beschreibt. Schließlich erfährt keiner der beiden etwas vom jeweils anderen – zunächst, weil das Spiel mit den Love Scammern, gegenüber denen sie ein den Betrugsspieß aus wild erfundenen, jedoch zweckgebundenen Identitäten umdreht, einfach das ist, was sie tut, wenn sie nachts nicht schlafen kann, ein bloßer Zeitvertreib ohne Bedeutung. Warum also sollte sie Juppi davon erzählen? Später, wenn sie Benu klarmacht, sie weiß, dass er ein Love Sammer ist, und ihre nächtlichen Chats mehr und mehr freundschaftliche Züge annehmen, kann sie nicht mehr aus ihren Lügen heraus. Je länger das andauert, um so häufiger bedauert sie wahlweise, nicht ehrlich sein zu können oder fürchtet, Jupiter könnte es erfahren.

Überhaupt ist dieser Roman, der als ein Reportageprojekt begann, bevor er eigensinnig und dabei große Kunst wurde, ein Werk voller widersprüchlicher und widerstrebender Gefühle, was ihn für mich ungeheuer reizvoll und bei aller Kunstfertigkeit auch sehr viel lebensnäher und ‚echter‘ wirken lässt als stringenter, glatter erzählende Bücher es können.

So ist die Geschichte zwischen Juno und Benu nur ein Strang der Gegenwartsebene, die zeitgleich von der Beziehung zwischen Juno und Jupiter, seinem immer prekäreren Gesundheitszustand und ihren stets prekären finanziellen Verhältnissen als freischaffender Performerin bestimmt wird. Parallel zu diesem Jetzt wird zudem Junos Lebensgeschichte schlaglichtartig beleuchtet und im letzten Drittel sogar das Ende vorwegnehmend erzählt. Während ich als Leserin bei der Geschichte mit Benu Juno immer wieder zurufen möchte, trau dich zu vertrauen!, also quasi lese wie ein Kind Theater unmittelbar miterlebt und eingreifen möchte, erkenne ich mich in Juno als Antragsschreiberin und Auftrittsvorbereitende sozusagen erwachsen wieder – und bei den vorweggenommenen Passagen bewundere ich als Literaturwissenschaftlerin und Autorenkollegin die erzählerische Eleganz und den Mut.

So viele Ebenen, so viele Facetten und Zugänge hat dieses Buch zu bieten, das so stark nachhallt, dass man es am liebsten sogleich ein zweites Mal von vorn lesen will. Das passiert mir selten. Ich bleibe begeistert zurück und wünsche mir mehr – mehr von Martina Hefter und ganz generell mehr von dieser Qualität!



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