Gedankenfutter: „Mothers, Fathers, And Others“

Wer mein Blog ein wenig kennt, weiß, ich bin ein großer Fan von Siri Hustvedt, und schätze inzwischen ihre Essays womöglich noch mehr als ihre Romane. Futter fürs Hirn bieten sie immer, und Material für Blogartikel ebenso. Heute geht es los mit Teil Eins meiner Gedanken zu „Mothers, Fathers, And Others“.

Das Cover der Sceptre-Aisgabe von Siri Hustvedts "Mothers, Fathers, And Others"
Das Cover der Sceptre-Aisgabe von Siri Hustvedts "Mothers, Fathers, And Others"

In den ersten Essays des Bandes nimmt Hustvedt Familienmitglieder und deren Geschichte als Ausgangspunkt. So geht es etwa in „Tillie“ um ihre Großmutter väterlicherseits, in „My Mother’s Ocean and How It Became Mine“ wie auch „In a Walk With My Mother“ naheliegenderweise um ihre Mutter und obendrein um das Leben als Amerikanerin mit norwegischem Migrationshintergrund und die Frage der eigenen Beziehungen zum ‚old country‘. „Stones and Ashes“ ließe sich als Meditation über Fragen des Hinterbliebeneseins verstehen, während sie in „States of Mind“ u.a. über ihren kindlichen Glauben, ihre Mutter könne ihre Gedanken lesen nachdenkt. Jedes der 21 bzw. 20 Essays – in meiner Ausgabe (Sceptre 2021) fehlt das 18., nämlich „The Hedgehog“ seltsamerweise – hat seinen eigenen Reiz, und über jedes ließe sich sicher etwas schreiben, aber ich beschränke mich auf diejenigen, die ich beim Lesen teils vor Monaten schon mit Klebezetteln versah.

„Mentor Ghosts“ habe ich markiert, weil ihre Suche nach einem Mentor oder einer Mentorin und sie gleichzeitige Sehnsucht nach geistiger Heimat und Zugehörigkeit etwas ist, das ich von mir selbst kenne, aber bislang noch nie in Worte fasste. Dass sie dabei zudem den Bogen zur unmöglichen Erfüllbarkeit dieser Sehnsucht schlägt, macht sie für mich geradezu zu meinem eigenen mentor ghost.

Bei „Open Borders: Tales From the Life of an Intellectual Vagabond“, das ich ebenfalls zum späteren, erneuten Lesen markiert habe, weiß ich nicht mehr so recht, was mich am meisten daran fasziniert hat: die Familiengeschichten, die klassischen philosophischen Ansätze darin, der Begriff der „disgustology“, die Beziehungen zwischen Mysogynie und Fremdenhass bzw. Reinheitswahn und politisch rechten Ideologien? Es ist ein unglaublich reiches Gewebe, so viele komplexe und kluge Gedanken, die sie hier auf so wenigen Seiten zusammenbringt, das könnte glatt neue Theorie für mein demnächst wieder startendes Uniseminar „Schreibt sie anders, als er liest?“ sein.

Ähnliches könnte auch für „The Future of Literature“ gelten, in dem es einerseits darum geht, dass alle Zukunftsvorstellungen natürlich Fiktionen sind und andererseits darum, dass zu Erzählen heißt, erfundene wie erlebte Ereignisse in eine Chronologie zu bringen und so zugleich logische Zusammenhänge und Erklärungen herzustellen. Warum dabei manche Erzählungen höher angesehen werden als andere, Texte mit männlicher Autoren oftmals anders behandelt werden als die weiblicher, sind weitere Fragen, denen sie hier nachgeht.

In „The Enigma of Reading“, einem meiner Lieblingsessays dieses Bande, beschäftigt sie sich mit Emily Brontes „Wuthering Heights“. Darin beschreibt sie den Prozess des Lesens allgemein, insbesondere jedoch des Lesens eines Romans als eine Form der Besessenheit einer Person durch eine andere, weil sich dabei die Gedanken- und Bilderwelt der Autorin im Kopf aber auch im emotionalen Erleben der Leserin entfaltet.

„Reading is a strange business, after all“, schreibt sie auf S. 163. „Whether the text in question is a science paper or a novel, it is, like a virus, dead until animated by the body of a host, and althuogh the words of a book or a paper are always the same, the bodies, situations, experiences, and biasses of its readers vary.“ Und mit Bezug zu Brontes Roman ergänzt sie „Plural readings of any text are inevitable, but this particular book is rahter like a bomb, which, when ignited by its readers, explodes, and sends a thousand fragments flying in all directions. To say that is […] to acknowledge that a text literally reveberates with the pulse and breath of its reader, her character, her emotional makeup, and readrely capacities.“

Außerdem vergleicht sie den Prozess des Schreibens von Fiktion mit dem Täumen, etwas, das ich als Autorin unterschreiben für mich und das für mich obendrein eine spannende Parallele zu meinen Überlegungen bezüglich fundamentalen Ähnlichkeiten zwischen Traum und Film darstellt.

Dabei bleiben die Texte körperlose Phantome, schreibt Hustvedt auf S. 185: „The body of the author is nowhere to be seen, but the written word is our chief mode of communion with the dead. All readers are possessed by multple ghosts. And once texts have been digested, they live on in us, not only in waking thoughts, but sometimes in our dreams, in the spontaneous nocturnal fictions we all make.“

Und während ich das schreibe, beginne ich mich zu fragen, ob das, was uns in jüngster Zeit als „Halluzinationen“ bei sogenannter KI, als „Nebenwirkung“ bei der Nutzung von Large Language Models (LLM) wie ChatGPT & Co begegnet, womöglich sogar zeigt, dass das auf schräge Art auch für von uns gebaute/programmierte Maschine gilt – als ob Sprache, zumal bei komplexer, finktionaler Verwendung, geradezu zwangsläufig diese Art von Eigenleben beginnt.

Doch in Hustvedts Essay aus dem Jahr 2021 ist ja „Wuthering Heights“ der Angelpunkt der Überlegungen. Ein Buch mit ineinander verschachtelten Erzählern und Erzählerinnen, die Tagebücher und andere Aufzeichnungen finden, und teils voneinander besessen sind, manche noch als Geist nach dem Tod. Es ist Fiktion aus Fiktionen, verbirgt das nicht, und dennoch packt es, so schreibt es Hustvedt, die Leserin regelrecht pyhsisch beim Kragen. Das Wissen, dass es einfach nur ein Buch ist, alles erfunden, mildert das Gefühl der Dringlichkeit kein Stück, befindet sie. Vielmehr, so schließt sie ihren Essay, fühlt sie sich wieder und wieder zu dem Roman zurückgezogen, um ihn, der doch ohnehin längst Teil ihres Erfahrungsschatzes ist, wieder und wieder zu lesen.

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