Ich weiß nicht mehr genau, wann und wo ich die Rezension von Ocean Vuongs Roman „On Earth We’re Briefly Gorgeous“ las, der im Jahr 2019 erschien. Sie muss interessant genug gewesen sein, um erst einen Eintrag in meinem Zukunftslektüren-Notizbuch zu hinterlassen und später auf meiner Wunschliste im Onlineshop meiner Lieblingsbuchhandlung zu landen. Dort vor Ort begegnete ich dem Buch im letzten Herbst bei einer anderen Lesung – unmittelbar nachdem es online geheißen hatte, es sei nicht mehr lieferbar. Ich konnte also gar nicht anders, als es auf der Stelle zu kaufen.

Ich weiß aber noch, was mich von Anfang an dem Roman reizte: Dass der Ich-Erzähler Little Dog, der als kleiner Junge mit seiner Mutter aus Vietnam in die USA geflüchtet ist, diesen als Brief an seine Mutter, die jedoch gar nicht lesen kann, verfasst. Der Gedanke, etwas nur dann formulieren und sagen bzw. schreiben zu können, wenn sicher ist, der Adressat oder die Adressatin kann es nicht lesen, machte für mich unmittelbar Sinn. Denn wie sonst soll man über Dinge sprechen, die eigentlich zu schmerzhaft sind, laut gesagt und gehört zu werden?
Wie passend, dass der Ursprung von Little Dogs Geschichte im Vietnamkrieg liegt, der in den USA als erster eine breite Diskussion über Kriegstraumata speziell bei Veteranen und über posttraumatische Belastungsstörungen im allgemeinen geradezu erzwang. Und wie erhellend, dass hier eine ganz andere Perspektive eingenommen wird – eben von Vietnam aus auf die USA geblickt wird, die zugleich die Gewalt mit den Soldaten ins Land bringt, aber eben auch Fluchtpunkt und mögliche Rettung ist.
Allerdings ist das mit der Rettung so eine Sache. Schon lange bevor Trumps ICE-Schergen das Leben für Migranten und alle, die einfach bloß nicht weiß genug sind in deren Augen, zur höllischen Gefahr werden ließen, ist die Lage für Little Dog, seine Mutter und Großmutter prekär. Und sie wird nicht einfacher durch die armen Verhältnissen, in denen sie leben, durch die Drogenkrise und erst recht nicht durch die Tatsache, dass Littel Dog Männer liebt.
So viel Stoff für Bitterkeit, Gewalt, Zynismus womöglich. Doch bei Ocean Vuong werde all diese harten Themen zwar mit offenen Augen gesehen, aber es ist zugleich ein freundlicher, geradezu liebevoller Blick. Und so macht dieses Buch zwar manchmal ratlos, doch am Ende bleibt Dankbarkeit und Bewunderung und das Gefühl, als wüsste man nun, wie es so zarte Geschöpfe wie Schmetterlinge schaffen, im Lauf ihres Lebens ganze Kontinente und Ozeane zu überqueren.