Die erste Premiere der neuen Spielzeit im Grillo-Theater ist ein Klassiker, der es in sich hat: Karsten Dahlems Inszenierung von Edward Albees „Wer hat Angst vor Virginia Woolf?“ hat Tempo, Biss und ist, ohne das Original zu verbiegen, zugleich auf bemerkenswert selbstverständliche Art in unserer von Corona samt Schutzmaßnahmen geprägten Zeit angekommen.

Ein älteres Ehepaar lädt sich ein jüngeres Nachts nach einer Fakultätsfeier zu sich nach Hause ein und macht es erst zum Publikum, dann auch zum Chor, zu Mitspielern in der x-ten Aufführung eines wohl schon Jahre, wenn nicht Jahrzehnte andauernden Ehestreits – das Setting dürfte (fast) jedem Theatergänger vertraut sein. Auch ich sah Albees brillant konstruiertes Stück mindestens schon in zwei weiteren Inszenierungen, von denen mir jedoch nur der kurze Moment des Erstaunens darüber, dass auf der Bühne nicht das Schwarz-Weiß der Klassikerverfilmung mit Elizabeth Taylor und Richard Burton aus dem Jahr 1966 herrscht, in Erinnerung geblieben ist. Dieses Mal wird das mit ziemlicher Sicherheit anders sein, denn das was, da gestern in Essen auf der Bühne des Grillo-Theaters zu sehen war, ist definitiv erinnernswert.
Da sind zuallererst die Schauspieler: Ines Krug spielt Martha mit all ihrer beißenden Wut, all der abgrundtiefen Enttäuschung über den Lauf des (Ehe)Lebens zugleich so voller verzweifleter Lebenslust, dass es atemberaubend ist, zumal ihr obendrein das Kunststück gelingt, auch Verletzlichkeit, ja sogar Reste von echter Liebe zu zeigen. Jan Pröhl als ihr Ehemann und Sparringspartner George suhlt sich in der Versagerrolle, was ihn aber mitnichten daran hindert, die Schwächen aller anderen sofort zu wittern und umgehend gegen sie zu verwenden. Alexey Ekimov als aufstrebender Biologiedozent ist hin und hergerissen zwischen jugendlicher Potenz und Angriffslust und Unterwerfung zugunsten von geheiratetem Geld und zu erschleichender Karrierechancen. Und Lene Dax als Süße schafft es, mehr zu sein als Dummerchen an seiner Seite, die im Gegensatz zu den anderen drei nicht um sich schlägt in blinder Wut, aber eben dennoch vielschichtiger ist als ein schlichtes, naives kleines Frauchen.
Inga Timm hat all dem als Schlachtfeld ein unterkühltes Glashaus gegeben, das im Verlauf des Krieges immer weiter zerfällt, und damit die Musik dahinter sichtbar macht.
Diese Musik gespielt von Hajo Wiesemann am Flügel und live gesungen von Finn Brüggemann und Miguel Muchalla ist eine wirklich wunderbare Ergänzung von Karsten Dahlems Inszenierung, die stark mit Tempowechseln und Rhythmus spielt. Wie ein kleiner Refrain zieht sich der Ruf „Abstand“ dabei immer wieder durch die Szene – sehr treffend, nicht nur wegen der AHA-Regel, sondern vor allem, weil das doch eine der Grundfragen ist, die in all dem Streit verhandelt wird: wie nah darf, soll, muss man einander kommen? Und wie weit darf sich das Leben von den Lebenswünschen entfernen, wie nah darf man den Illusionen kommen, die ein jeder über sich selbst hat? Und kann man ein Spiel beenden, das man einmal angefangen hat?
Martha und Georges „Show“ wird wohl ewig weitergehen, was tragisch ist. Dass die „Show“ im Theater jedoch endlich wieder anfängt, finde ich wunderbar. Erst recht, wenn es ein Wiederanfang mit einer so gelungenen Inszenierung ist.