Fremdvertraut

Wie ich zu den „Japanischen Geistergeschichten“ von Lafcadio Hearn gekommen bin, ist mir ein Rätsel. Von Patricio Lafcadio Carlos Hearn, der sich später Koizumi Yakumo nannte, und 1850 als Sohn einer griechischen Mutter und eines irischen Vaters zur Welt kam, hatte ich noch nie gehört. Ob ich gerade nach weiteren Büchern zu Kishotenketsu oder etwas anderem suchte, irgendwie geriet die Reclam-Ausgabe (2026), die ein Holzschnitt von Katushika Hokusai aus den frühen 1830ern ziert, jedenfalls in den Warenkorb meiner Lieblingsbuchhandlung. Dann reiste das kleine Büchlein erst mit nach Münster und schließlich mit zur Frankfurter Buchmesse, und nun habe ich es ausgelesen und sitze mit dem Nachhall eines fremdvertrauten Gefühls hier.



Auf einer Fensterbank lehnt das kleine Reclam-Büchlein am Topf einer aloevera. In der Bildmitte ziert eine Art stilisierter Vollmond den nachtblauen Himmel. In dem Rund steht in kleiner Schrift "Lafcadio Hearn" über dem größer gesetzten Titel "Japanische Geistergeschichten".In den Mond hinein ragt der menschliche Kopf eines Dämons oder Geistes, dessen schlangenartiger Körper sich aus der unteren Mitte über die linke Seite hinaufwindet. Er scheint aus einem hölzernen Gefäß zu kommen, an dem eine Pflanze mit efeuartigen Blättern entlangrankt. Das Gesicht des Wesens pustet sichtbar nach rechts etwas aus.

Als Kind habe ich die Märchen der Welt geliebt, sie später als junge Frau sogar eine zeitlang gesammelt. Doch obwohl insbesondere kürzere Geistergeschichten strukturell in manchem Märchen ähnlich sind, sind sie keine solchen. Märchen sind Geschichten, die Phänomene der realen Welt auf kreative bis fantastische Weise erklären. So enthält „Der Fischotter und der Affe“ (gleich die erste Geschichte in „Japanische Märchen„, hrsg. v. Toshio Ozawa, Fischer Verlag 1974) einerseits die Erklärung, warum es Affen mit Stummelschwänzen und roten Hinterteilen gibt, und kann andererseits als Schelmengeschichte wider die Gier verstanden werden. Liest man gleich eine ganze Reihe solcher Märchen, ergibt sich ein Bild der Kosmologie, also des Weltverständnisses der Kultur, aus der sie stammen.

Während Märchen für gewöhnlich in vorhistorischen Zeiten oder fernen Reichen jenseits des Realen angesiedelt sind, spielen Geistergeschichten mehr oder weniger im Hier und Jetzt. So endet etwa „Ingwa-Banashi – Wirkung eines bösen Karmas“, die erste der von Hearn vorgestellten Geistergeschichten, mit den Worten: „Das war im dritten Jahr Kokwa (1846). Seitdem hat man von Yukiko nichts mehr gehört.“ (S. 14) Damit das Übernatürliche, um das es in diesem Genre in jeder Geschichte geht, seine Wirkung entfalten kann, braucht es den Kontrast zum Realen und womöglich den Anschein des beinahe Alltäglichen.

Bei Horrorgeschichten darf das Ganze gerne so nah wie möglich an den Lesenden oder am besten Zuhörenden platziert sein. Die ersten Geschichten, die ich für Freunde erfand, waren Horrorgeschichten, die ich während des Erzählens aus der jeweiligen Situation heraus entwickelte. Bei einer meiner letzten gelang das so gut, dass sich niemand mehr zur Toilette im Obergeschoss traute, das ich mit in die Story einbezogen hatte, und wir alle die Nacht gemeinsam auf einem improvisierten Matratzenlager verbrachten – und ich war mit 18 damals die Jüngste …

Doch Hearns Geistergeschichten haben wenig mit dem Horrorgenre zu tun, wie wir es heute kennen. Es geht ihnen nicht darum, Leser:innen zu erschrecken oder in Angstlust zu versetzen. Sie berichten vom Übernatürliche und zugleich von der japanischen Gesellschaft im Wandel der Zeit und buddhistischen Vorstellungen von Leben, Tod und allem, was dazwischenliegt. Geister und Dämonen nehmen sich menschliche Geliebte, die sie ins Unglück zu stürzen drohen. Tote Liebende können oder wollen die Lebenden nicht verlassen, was diese wiederum in Todesgefahr bringt. Doch während man in unseren Breiten Vampire pfählt, Werwölfe mit Silberkugeln erschießt und Hexen verbrennt, zieht man im alten Japan lieber buddhistische Priester oder andere weise Personen zurate, denen es häufig mit weit weniger gewalttätigen Mitteln gelingt, die Bedrohung abzuwenden.

Als ich Hearns Sammlung ausgelesen hatte, saß ich im Zug zurück aus Frankfurt und fragte mich, was nach dem Verkauf unseres Elternhauses wohl aus dem dort verbliebenen Teil meiner Märchensammlung geworden ist. Zurück in Essen fand ich immerhin drei Bände davon im Bücherregal, darunter die bereits erwähnten „Japanischen Märchen“. Neugierig las ich das Vorwort und erfuhr, der Herausgeber habe bewusst entschieden, die zahlreichen Geistergeschichten „wegen der Verständnis- und Übersetzungsschwierigkeiten“ (S. 11) nicht aufzunehmen.

Anscheinend war in den 1970ern nicht davon auszugehen, dass hinreichend viele Menschen mit buddhistischen Vorstellungen und Praktiken in Berührung gekommen waren. Für mich war das einer von vielen fremdvertrauten Momenten beim Lesen der Geistergeschichten – als seien sie sozusagen die unbekannte Rückseite von etwas, das ich zumindest vom Vorbeigehen kenne. Ob das heute wirklich anders ist, kann ich nicht beurteilen. Nur weil Achtsamkeit in aller Munde ist, sind uns buddhistische Praktiken nicht vertraut; nur weil Meditationsapps wie Buddhastatuen boomen, sind die spirituellen Vorstellungen dahinter nicht zu den unseren geworden. Und die japanische Gesellschaft mit ihren strengen Formen ist so verschieden von der unseren wie der japanische Zugang zur Ästhetik von unserem Verständnis des Begriffs. Aber vielleicht tut es ja ganz gut, eigenen Ansichten immer wieder Fremdes entgegenzusetzen?

Ich hatte jedenfalls viel Freude mit Hearns kleiner Sammlung von Geistergeschichten und kann sie nur weiterempfehlen. Und jetzt bin ich fast versucht, mich wahlweise ins Wiederlesen der „Japanischern Märchen“, von „Kagero Nikki“ oder etwas anderem aus diesem Kulturkreis zu stürzen.


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