Wie ein Fingerbuffet mit Potenzial für ganze Menüfolgen, so erscheint mir jedes Jahr der Band, in dem die Leseproben der 20 Nominierten des Buchpreises versammelt sind. Sie zu lesen und mir dabei vorzustellen, in welchen Werken ich komplett versinken möchte, ist für mich der Auftakt meines persönlichen Bücherherbstes. Dass meine Favoriten dabei selten auf der Shortlist der Jury landen, gehört auch dazu. Und so hat sich das diesmal verteilt (in umgekehrter alphabetischer Reihenfolge):

Dana Vowinckels „Alma und Anton“ beginnt großartig mit dem Besuch der bockigen Ausschwitzüberlebenden Renate in der Konversationsklasse. Die alte Frau verweigert sich jeglichen Erwartungen und hat eine derart starke Präsenz, dass man darüber Alma als Perspektivfigur überliest und es auch nicht recht klar wird, um was für eine Art Konversationsklasse es sich hier wohl handeln mag. Macht nichts, dachte ich, aber dann wechselt die Perspektive zu Anton, und alles wurde für mich noch unklarer: Wo genau sind wir, wann spielt das Ganze, wie alt sind die Protagonist:innen (abgesehen von Renate)? Schade, mich packte die Geschichte nicht. Die Jury setzte das Buch jedoch auf die Shortlist, also war es vielleicht unmöglich, ihm mit einer kurzen Leseprobe gerecht zu werden?
Auch Peggy Mädlers „Selbstregulierung des Herzens“ hat es auf die Shortlist geschafft. Nach der Leseprobe zu urteilen, spielt die Geschichte in der ehemaligen DDR und eine Mona soll in einem großen Rechenzentrum anscheinend einen Georg malen. An sich hätte mich diese Zeitreise samt der die Sache mit der Abteilung I, hinter der offenbar staatliche Aufpasser stecken, was alle wissen, aber niemand je anspricht, durchaus interessiert. Doch hier kam ich weder in die Sprache rein noch kamen die Figuren an mich ran, also bleibe ich außen vor.
Die Ich-Erzählerin in Leh-Wei Liao Langs „Glaszeit“ dagegen packte mich vom ersten Moment an mit ihrer sprunghaften und zugleich bilderreichen, sinnlichen Wahrnehmung nebst ebensolchen Erinnerungseinschüben. Warum sie nicht schlafen kann, obwohl sie so gut wie alles versucht, außer das Tavor zu nehmen, das sie notfallmäßig schon lange bei sich trägt, will ich wissen und dabei ihre Geschichte kennenlernen. Schade, dass sie es nicht auf die Shortlist der Jury schaffte.
Svenja Leiber bietet mit „Nelka“ eine für mich ebenfalls ausgesprochen reizvolle Protagonistin und Perspektivfigur an. Wir befinden uns im zweiten Weltkrieg, Nelka wurde verschleppt und arbeitet auf einem Hof zwangsweise für Menschen, die ihre Sprache nicht sprechen. Sie hat Angst und lebt in einer Atmosphäre ständiger Bedrohung, dennoch kann sie nicht anders, als sich zu behaupten. So jedenfalls lese ich die Leseprobe und ich bin außerordentlich gespannt darauf, wie das weitergeht. Bedauerlicherweise sah die Jury das wohl anders, denn das Buch schaffte es nicht auf die Shortlist.
Das gelang dafür Elias Hirschls „Schleifen“, einer surreal anmutenden Geschichte um ein Mädchen, dass alle Krankheiten bekommt, von denen es nur hört, die sich für mich jedoch viel zu gewollt literarisch liest, als dass sie in mir den Wunsch wecken würde, mehr davon erfahren zu wollen.
Bei Franziska Gänslers „Orca“ kann ich dagegen sehr gut nachvollziehen, warum sich die Jury für diese Geschichte entschied. Allein die ersten beiden Sätze wecken in mir den Wunsch, mehr Zeit mit der Ich-Erzählerin zu verbringen:
An dem Tag, an dem ich Olympia traf, lag ein sterbendes Kaninchen zwischen dem Supermarktparkplatz und dem leerstehenden Bürogebäude daneben, im Tal harter Grashalme, nah der Fensterfront.
Alles stand seit Wochen still, unter einer Glasglocke aus Hitzewelle und Pandemie, und ich hatte den Großteil des Lockdowns einem Plan der Anpassung gewidmet, dem Ziel, so auszusehen, als hätten meine Eltern plötzlich mehr Geld. (S. 39)
Man sieht die Dinge nicht nur vor sich, man fühlt sie auch, ist sofort in der Welt der Protagonistin und ein Stück weit auch zurück in eigenen Erinnerungen an die Pandemie – und dann erwischt einen die Begegnung mit der toughen Olympia und deren Zupackendem Handeln am Ende der Leseprobe wie ein präzise kalkulierter Schlag in die Magengrube. Treffer. Versenkt. Nachdem ich mich nun von dem Schreck erholt habe, wird mir klar, das Buch muss zurück auf meine Favoritenliste, von der es verschwand, weil ich die Frage, wie viele derartige Überraschungen mag ich mir gerade zumuten, falsch beantwortet hatte.
Bei Miriam Carbes „Unerwünschte Töchter“ war es nicht nur der Memoir-Charakter der Geschichte und das Verschachtelte von Erbstücken und Lebensgeschichten, das sich in der Leseprobe andeutete, zudem bringt die Sprache etwas in mir zum Klingen, das ich noch nicht n Worte fassen kann. Aber allein Margaretes Schrank, dieser große Bücherschrank mit der angedeuteten, wechselvollen Geschichten, weckt so viele Bilder und Assoziationen, dass ich mich gerne länger mit ihm beschäftigen möchte – unabhängig davon, dass dieses Buch leider nicht den Weg auf die Shortlist fand.
Bleibt Shida Bazyars „Die Lücken“, das dort wie auf meiner persönlichen Favoritenliste steht. Da ist zum einen die Geschichte von Asrin und ihrem Sohn Saman, dessen Geburt ihr erst ein Gefühl von Sicherheit und vielleicht auch Ankommen hier in Deutschland nach der Flucht aus dem Iran vermittelt. Und dann ist da der Bruch, wenn die Erzählung aus der personalen Perspektive Asrins in die einer unbekannten und definitiv nicht allwissenden Ich-Erzählerin wechselt, der aufhorchen lässt:
Ich würde gerne erzählen, dass es dieselbe Taxifahrerin war, die Asrin und Saman acht Jahre später ins Krankenhaus fuhr, aber um ehrlich zu sein, weiß ich nicht, ob sie es war, ich konnte sie nicht richtig erkennen und muss auf diesen erzählerischen Bogen verzichten. (S. 12)
Spricht hier ein Beobachter innerhalb der Geschichte, eine weitere Figur, haben wir es mit einem sehr speziellen, metafiktional agierenden Ich-Erzähler oder etwas ganz anderem, dritten oder vierten zu tun? Das möchte ich unbedingt herausfinden, also wird mir wohl nichts anderes übrig bleiben, als mir über kurz oder lang auch diese Buch zu besorgen.
Und was habt Ihr so vor in Eurem Bücherherbst?