Wenn die Tage kürzer und die Abende länger werden, beginnt mit dem Ende des Sommers das Abenteuer der neuen Theatersaison. Am Schauspiel Essen startete sie gestern mit Henrik Ibsens „Die Wildente“ in der Inszenierung von Intendantin Selen Kara. Ein Klassiker lockt mit dem Versprechen, uns Altes oder auch Zeitloses neu zu sehen ins Grillotheater.

Es beginnt mit einem silbergrauen Vorhang, hinter dem Menschen etwas feiern. Zwei Musiker (Volker Kamp und Jörg Siebenhaar) treten durch ihn auf und geben links und rechts des Tischchens mit zwei Stühlen ein Ständchen. Kurz darauf tut es ihnen Frau Sorby (Ines Krug) nach, die Haushälterin des Gastgebers Großhändler Werle (Jan Pröhl) und schildert das Fest, bei dem nach Jahren dessen einziger Sohn Gregers (Christoph Heisler) zugegen ist, der sonst zurückgezogen im Holzwerk auf dem Berg lebt und arbeitet. Gregers trifft sich hier wenig später mit seinem Schulfreund Hjalmar (Matthias Znidarec), und fragt ihn über sein Leben aus, um zu erfahren, wie dieser den Absturz seines Vaters, des alten Ekdal (Stefan Diekmann), überwunden hat, der wegen Betrugs verurteilt wurde und darüber zerbrach. Obwohl das beinahe den Ruf seines Kompagnon und Freundes Werle beschädigt hätte, hat ausgerechnet dieser ihm nicht nur bei seiner Ausbildung zum Fotografen und der Ausstattung seines Studios finanziell unterstützt, sondern obendrein zu seiner Ehefrau Gina Hansen (Sabine Osthoff) verholfen, die ehemals bei Werle in Diensten stand.
Dass dahinter mehr steckt als Menschengüte, liegt auf der Hand, noch bevor man Jan Pröhls ersten Auftritt als so selbst- wie machtbewussten Großhändler Werle erlebt hat. Und natürlich bleiben der offen angesprochene Betrug des alten Ekdal – der heute dennoch Schreibarbeiten für Werle erledigt – und die angedeutete Affäre zwischen Werle und Gina, nicht die einzigen Lügen in diesem Stück, in dem sich alles um die Frage dreht, macht allein die Wahrheit frei, wie der idealistische Gregers meint, oder brauchen Menschen ihre Lebenslügen, wie Dr. Reling (Mansur Ajang) später betonen wird.
Warum sich Gregers in den Kopf gesetzt hat, er müsse seinen alten Freund Hjalmar auf Biegen und Brechen zeigen, auf welcher Lüge sein Leben aufgebaut ist, wird dabei nicht ganz klar: Liegt es an den Lügen seines Vaters, dem Leiden seiner frühverstorbenen Mutter, gar seiner eigenen realen oder angenommenen Mitschuld am Niedergang des alten Ekdal?
Dieser lebt nun bei seinem Sohn und hat sich mit reichlich Alkohol dort eine ganz eigene Welt eingerichtet – inklusive Jagd im Wald der Illusionen auf dem Dachboden, den Kaninchen, Hühner und die titelgebende, von Werle angeschossene Wildente bevölkern. Verletzt, nicht mehr fähig, in ihrer angestammten Umwelt zu überleben, hat sich letztere, die nun Ekdals Enkelin Hedvig (Katharina Bogdanova Petrova), dort oben eingerichtet und, wie Hjalmar sagt, ihr vorheriges Leben vergessen. Bezeichnenderweise sehen wir das Haus bzw. das Atelier der Ekdals als tatsächliches Holzhaus nach Art eines übergroßen Puppenhauses (Bühne: Lydia Merkel), bekommen die Ente und den Dachboden jedoch nie zu sehen. Wir sehen stets nur das untere Ende der Treppe nach oben und hören, was die Figuren einander dort erzählen – und natürlich wenn dort oben geschossen wird.
Die Wildente symbolisiert die Menschen, die verletzt werden und nur dank ihrer Illusionen überleben. Das gilt nicht nur für den alten Ekdal. So hat sich Gina damit arrangiert, nicht zu wissen, ob Hjalmar oder der alte Werle Hedvigs Vater ist und lebt damit und davon, dass letzterer ihr Leben weitgehend finanziert. Hjalmar dagegen lebt gänzlich in seinen Illusionen, in denen er der glückliche Familienvater ist, dem die Frau die Mühen des Alltags abnimmt, damit er sich seiner „großen Erfindung“ widmen kann, mit der er eines Tages dafür sorgen wird, dass Frau und Tochter gut versorgt sind und sein Vater wieder seine Leutnantsuniform tragen darf. Und seine Tochter Hedvig glaubt bedingungslos an ihren Vater, an seine Erfindung und an seine Liebe.
All das zerstört Gregers mit seiner fixen Idee von der „idealen Forderung“, nach der eine ideale Ehe genau wie das ideale Leben ohne Lügen zu sein hat. Denn anders als erhofft ist Hjalmar nicht in der Lage zu vergeben, er will nur noch weg – und zwar vor allem weg von Hedvig, die die Welt nicht mehr versteht und am Ende zugrunde geht. Auf den Schock folgt noch ein kurzer philosophischer Austausch an der Bühnenkante von Gregers und Dr. Relling, die jeder bei ihrer eigenen Ansicht in Sachen Wahrheit vs. Lebenslüge bleiben, dann ist es vorbei. Blackout. Applaus.
Bleibt die Frage, ob diese Klassikerinszenierung das Versprechen einlöste, uns mithilfe von Kunst Altes neu sehen zu lassen. Jein. Bühnenbild und Ausstattung sind sicher kunstvoll und gelungen, genau wie das Licht und die Musik. Die Schauspieler geben gewiss ihr Bestes – allen voran Katharina Bogdanova Petrova als Hedvig – doch immer wieder stimmt das Timing nicht und nicht alle Rollen sind gleich gut durchgearbeitet. Während etwa Sabine Osthoff oder Ines Krug ihre jeweiligen Figuren glaubwürdig verkörpern und ihnen eine klare Haltung geben, bleibt ausgerechnet Mathias Znidarecs Hjalmar unbestimmt: Weiß er, dass er sich mit seiner „großen Erfindung“ einen in die Tasche lügt und anderen die Verantwortung für sein Leben übergibt oder glaubt er daran? Die Logik der Tragödie legt letzteres nahe, doch auf der Bühne in Essen war das gestern nicht zu sehen.
Schade. Eigentlich hat diese Inszenierung alles, was es für einen großen Theaterabend braucht, bloß kommt es nicht so ganz zusammen. Aber vielleicht ist das auch der Tatsache geschuldet, dass dies die erste Premiere in der neuen Spielzeit ist und so wäre es gewiss einen Versuch wert, sich die zehnte oder zwölfte oder zwanzigste Vorstellung dieser „Wildente“ noch einmal anzuschauen.