Irgendwie erscheint es passend, über dieses Buch zu schreiben, nachdem heute Nacht meine Mutter eine kryptische Nachricht auf unserem Anrufbeantworter hinterließ, von der sie am Morgen nichts mehr wusste. Denn um Mütter und Unklarheit geht es auch in Sylvie Schenks „Maman“ – bloß dass es da um die Vergangenheit, die Geschichte der Mutter geht, während meine Mutter mehr und mehr in der Gegenwart verschwindet.

Was macht eine Schriftstellerin, die darunter leidet, die Geschichte ihrer Mutter – und ihrer Großmutter, die bei deren Geburt 1916 stirbt – nicht zu kennen? Sie nimmt die wenigen Fakten und Erzählungen, die sie hat, versetzt sich in die Mutter hinein (das macht frau sonst ja auch bei den Figuren eines Romans) und versucht so, sich der Geschichte spekulierend zu nähern.
Mamans Leben und mein Leben sind miteinander verflochten wie zwei unterschiedlich gefärbte Wollfäden im schlechtgestrickten Pullover einer Penelope, die auf sich selbst wartet.
So lautet mein Lieblinssatz dieses Buches, der bereits auf Seite 44 der Taschenbuchausgabe zu finden ist. Ich liebe die Penelope, die nicht mehr auf Odysseus, sondern sich selbst wartet und frage mich, seit ich ihn zum ersten Mal las, was für ein Kleidungsstück die verflochtenen Fäden in meinem Leben ergäben.
Aber darum soll es hier ja nicht gehen. Viel spannender ist all das, was in diesen 171 Seiten steckt – deutsch-französische Geschichte etwa, gesehen aus der Perspektive einer Französin, die einen Deutschen heiratete und 1966 nach Deutschland ging, wo sie Gedichte auf Französisch und Prosa auf Deutsch veröffentlicht. Ein neuer Blick auf Frankreich und Deutschland zugleich, ein Mutterbuch, das damit die Lebensorte meines Vaters berührt und in mir lesend so viele Möglichkeitsräume öffnet, wie es sonst nur Gedichte tun.
Alles ist in der Schwebe, nichts ist sicher. Was für die Person Sylvie Schenk gewiss oft schwer auszuhalten ist, verwandelt die Schriftstellerin in große Prosakunst. Ein Buch, das manchmal so sperrig und rätselhaft wie die Mutter scheint, und doch so viel Liebe und Zärtlichkeit ausstrahlt, das ich es gar nicht aus der Hand legen mochte. Am Anfang fragte ich mich noch, warum die Einordnung als Roman, lebensgeschichtlicher kann es kaum sein – dann verblasste die Frage und wurde bedeutungslos. So wie sich die Autorin freischreibt – ihren eigenen Pullover strickt, ach was, einen wunderschönen Wandteppich mit vielen Details wirkt -, so las ich mich frei und fühlte mich zugleich immer tiefer hineingezogen in diese besondere Lebensgeschichte.
Allein für die Klammer, die mehrfachen Anfänge mit der Geburt der Mutter und dem Tod der Großmutter und das Ende, an dem die Möglichkeit steht, man könnte die beiden, ledige Mutter und baldiges Waisenkind, damals im Krankenhaus doch zusammengebracht haben, und sei es nur für einen kurzen Moment, muss man Autorin und Buch einfach lieben. Danach gibt es eigentlich nur eine Frage: Lese ich „Maman“ gleich ein zweites Mal oder mache ich mich auf die Suche nach weiteren Werken dieser Autorin?