Martin Becker: Marschmusik

Diesen 2017 erschienenen Roman schenkte ein lieber Verwandter vor über einem Jahr meinem Lieblingsmenschen, und weil dieser sehr langsam bzw. eher wenig liest, wenn es um Romane geht, die nicht unter Science Fiction fallen, habe ich mir Martin Beckers „Marschmusik“ gegriffen und gelesen.

Auf einem Holzbrett liegt die Hardcoverausgabe von Martin Beckers Marschmusik. Der Hintergrund des Cover ist weiß, der Titel selbst stehr in roter, schräggestelter Kursvischrift über dem in Großbuchstaben (schwarz umrandet, innen leer) gesetzten Autreon Namen. Sehr viel kleiner, aber wieder kursiv steht darunter in Rot Roman und in Schwarz Luchterhand. Darunter ist freigetellt ein roter Förderturm aus Untersicht zu sehen.

Es geht um einen, der ausbrach aus der Bergarbeiterwelt seiner Eltern, heißt es im Klappentext – und der doch kurz bevor wirklich Schicht im letzten Schacht des Ruhrgebiets ist, noch einmal untertags geht, um sich so dem Leben seines frühverstorbenen, wortkargen Vaters anzunähern.

Ein junger Mann, bei dessen Geburt die Familie bereits den Pott verlassen hatte und die Familie in einem Haus in einer Kleinstadt an dessen Rand lebt – vielleicht im Sauerland, wie der Autor selbst. Ein Nachzügler in der Familie, einst kränkliches Kind, dann Marschmusiker, zumindest eine zeitlang, während er davon träumt, ein weltberühmter Posaunist zu werden, mehr oder weniger ohne Grund.

Ein erwachsener Mann, der immer wieder zu seiner inzwischen verwitweten Mutter, die nach einem Schlaganfall pflegebedürfti ist, zurückkehrt aus der Großstadt in die Kleinstadt, wo er lieber im Bett des Neffen schläft, als im ehemaligen Elternhaus zu übernachten. Ein Mann auf der Suche nach der Vergangenheit, nach der Geschichte seiner Eltern, des Bergbaus, des Bergarbeiterlebens und seines eigenen Lebens.

Erzählt wird das Ganze mithilfe verschiedener Erzählstränge, gehalten und eingerahmt von einem dreitägigen Besuch des Ich-Erzählers. Darin eingebettet sind einerseits die erinnerte Geschichte seiner Kindheit und Jugend in verschiedenen Episoden und als personale Erzählungen spekulative Annäherungen an die Geschichte seiner Eltern, vor allem seines Vaters.

Die Struktur an sich funktioniert für mich und lässt beim Lesen bald die Frage vergessen, ob das alles reine Erfindung ist und wie viel autobiografisches sich wohl einschlich. Wenn’s gut geschrieben ist, spannend, reizvoll, in sich schlüssig, spielt es ja keine Rolle, ob es wahr ist, weil es so war. Es geht ja ohnehin um fremde, andere Leben — und die Anknüpfungspunkte zum eigenen Erleben, etwa, wenn man selbst aus einer Kleinstadt kommt, in die man immer wieder für ein paar Tage zurückkehrt, solange die Eltern leben. Ambivalente Herkunftsorte voller Geschichte, die auch Heimat sind, ganz gleich, ob man sie selbst für sich so nennt oder nicht.

Ein interessantes Buch, lesenswert allemal, auch wenn sich mir als Leserin gewisse Fragen aufdrängen. Ja, okay, die meisten Teenager haben Ausbruchsträume à la „ich werde berühmt und ihr alle werdet zu mir aufschauen“, und in den wenigsten Fällen werden sie wahr. Und ja, das Posaunenspiel in einer Marschkapelle für einen solchen Teenietraum zum Anlass zu nehmen, war für mich überraschend und vorübergehend die Eintrittskarte in eine fremde Welt, die ich dadurch kennenlernen durfte. Allerdings ist das Ende des Ganzen, also die Nichterfüllung des Traums mangels Konsequenz fleiß und womöglich auch mangels Talent, nicht wirklich überraschend – scheint jedoch so gemeint zu sein. Jedenfalls stolperte ich hier.

Genau wie ich einerseits verstehen kann, dass sich ein Großteil der Geschichte um den abwesenden, früherverstorbenen Vater, der ursprünglich als Bergmann im Ruhrpott und später als Schmied in einer Fabrik in der Kleinstadt arbeitet, dreht, dass eben der Erzähler diese sucht — aber warum um Himmels willen kommt das alles dann auf der Gegenwartsebene, beim aktuellen Besuch der Mutter so gar nicht vor? Und worum geht es dem Ich-Erzähler eigentlich bei und vor allem mit ihr? Ist sie mehr als ein Relikt?

Ich frage mich, wie eine Tochter diese Geschichte erzählt hätte. Oder wie diese Geschichte aus Sicht der Mutter aussähe. Ich taste, suche, irgendetwas fehlt mir dann doch am Ende der Lektüre und ich wüsste gerne, wie ein Mann oder auch eine andere Frau dieses Buch lesen.

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