Es muss vor rund drei, vielleicht sogar vor vier Jahren gewesen sein, als ich dieses Buch aus dem Haus meiner Eltern mitnahm, in dem sie damals noch beide zusammen lebten. Ich wollte Small World, das erste Buch aus Martin Suters „Neurologischer Trilogie“, das sich mit Demenz befasst, als mögliche ergänzende Lektüre für einen meiner Unikurse lesen. Doch dazu kam es erstmal nicht.

Zuviele Dinge passierten in meinem Umfeld, in meiner Familie und genug Lesestoff, der auf mich wartet, habe ich auch immer, also geriet der Roman aus dem Blick. Mein Vater kam ins Pflegeheim, meine Mutter war mit der neuen Situation kreuzunglücklich und kurz nachdem sie in eine altengerechte Wohnung in dem Altenzentrum gezogen war, wo er auf der Pflegestation lag, starb er. Sie veränderte sich mehr und mehr, wir fragten uns, was ist Schock, was Trauer, was Depression, und, als sie schließlich immer häufiger erfolglos nach Worten suchte, drängte sich der Gedanke an Demenz dazu. Ein Gedanke, den sie lieber nicht zulassen wollte, nie hatte zulassen wollen, der aber für uns, meine Schwester und mich und alle in ihrer unmittelbaren Umgebung, nicht mehr zu übersehen war.
Parallel dazu stolperte ich wieder über Suters Roman, der inzwischen ganz oben auf dem Stapel zu lesender Bücher in meinem Arbeitszimmer lag. Eine Weile zierte ich mich noch, es war mir unheimlich, ein Buch über einen Mann zu lesen, dem Alzheimer das Neugedächntis raubt, wie Suter es treffend nennt, während meine Mutter, die ihr ganzes Leben das Lesen geliebt hatte, den Zugang zu Büchern verlor und immer weniger Worte fand, sich auszudrücken. Aber irgendwann überwand ich mich, schob die Bedenken beiseite und las …
Bei Konrad Lang beginnt es allmählich mit dem Vergessen von Details und seltsamen Versehen, wie dem Portemonnaie im Kühlschrank oder doppelt gekauften Zutaten für ein Festmahl. Dazwischen ist er ganz der Alte, Herr seines Lebens (soweit er das in diesem speziellen Leben sein kann, das er, selbst arm geboren, in einer schwerreichen Familie als Spielkamerad, Freund und Begleiter des gleichaltrigen Sohnes führte) und seiner Sinne.
Doch während er aktuelles bis hin zum Namen der Frau, die er heiraten will, vergisst, scheint es, als schüfen diese Lücken Platz für alte, sehr frühe Erinnerungen, die ein Geheimnis eben dieser reichen Familie und vor allem der Matriarchin, die sich als seine Wohltäterin ausgibt, betreffen. Parallel zu diesem Familiengeheimnis erzählt Suter vom geistigen Verfall und vom Umgang damit sowie von der medizinischen Forschung, die in der zweiten Hälfte der 1990er einige Fortschritte erzielte. Ganz aus der Luft gegriffen ist sein halbes Happy End, bei dem ein Medikament Konnis Verfall stoppen und er auch wieder neue Erinnerungen bilden und behalten kann, alles bis dahin Vergessene jedoch vergessen bleibt, nicht. 1997, als der Roman erschien, konnte man durchaus hoffen, dass sich weitere und breiter anwendbare Behandlungsformen zumindest für die Alzheimer Demenz finden lassen werden.
Doch so viel sich in Forschung und Medizin auch tut, so vielfältig und unterschiedlich sind die Formen der Demenz. Spezielle medikamentöse Behandlungen gibt es nur für diejenigen, die rechtzeitig mit der richtigen Unterform diagnostiziert werden. Was Glück im Unglück, aber zuerst einmal die Bereitschaft zur Diagnose voraussetzt.
Für meine Mutter kam das nicht in Frage, und so rasant sich bei ihr die Demenz in den letzten 12 Monaten entwickelt hat, ist es schwer vorstellbar, dass ein Medikament das hätte aufhalten können. Und so sitze ich nun hier, meine Gedanken zum Buch wie zu seiner ursprünglichen Besitzerin verknotet wie Fäden eines halb aufgelösten Strickpullovers.
Suters Buch ist ein sorgfältig recherchierter Roman aus dem Jahr 1997, spannend und einfühlsam geschrieben und allein deswegen auch weiterhin lesenswert, selbst wenn sich die Forschung weiterentwickelt und „Small World“ natürlich kein Ratgeber für Angehörige Demenzerkrankter ist (außer vielleicht, sie sind zufällig superreiche Schweizer, aber das ist eine andere Geschichte). Womöglich ist er auch ein Buch für eines meiner Uniseminare, das wäre auszuprobieren.
Vor allem aber bedauere ich sehr, das Buch erst so spät gelesen zu haben, dass ich es nicht mehr mit seiner ursprünglichen Besitzerin, meiner Mutter, besprechen kann …