Natürlich ist die ganze Sache mit Jahreswechsel, sinnloser Silvesterknallerei und womöglich noch Neujahrsvorsätzen letztlich nichts als eine gesellschaftliche und nicht zuletzt wirtschaftliche Konvention. Die Erde umkreist schließlich die Sonne und fährt nicht etwa von einer definierten Start- zu einer ebensolchen Ziellinie, aber menschliche Unterfangen bedürfen eines Kalenders zur Synchronisation, und so kommt das Jahr – ob als Kirchen- oder Steuerjahr oder sonstwas – zu seinem Anfang und Ende.

Dennoch kann auch ich mich dem nicht entziehen, selbst, wenn wir das Ganze hier meist zu zweit und sehr ruhig, unspektakuläkulär angehen. Um Mitternacht stoßen wir an, umarmen uns und wünschen uns Gutes fürs Neue. So auch in diesem Jahr – und es war nicht weniger echt, nicht weniger so gemeint als sonst und doch ganz anders.
Ich erinnerte mich an Wünsche, Hoffnungen, Pläne und auch Fragen, mit denen wir vor einem Jahr 2022 begrüßt hatten. Manches hat sich erfüllt, anderes nicht, so weit, so normal, zumindest bis zum 24. Februar und dem russischen Einmarsch in der Ukraine. Das war und ist das eine Dunkel, das sich durchzog. Doch weil wir weit genug weg leben, blieb viel Raum für alles andere, Alltägliches, Schönes, Trauriges, Leichtes und Schwieriges. Ich meine, die Klimakatastrophe rollt ja auch scheinbar unaufhaltsam seit Jahrzehnten, ganz unbeeindruckt von meinen Lebensentscheidungen. Es ist immer alles gleichzeitig präsent in dieser verrückten Welt – Glück und Leid, altruistisches wie unmenschliches Handeln, Leben und Tod, und alles andere eben auch – das war 2022 nicht anders als in anderen Jahren. Aufs große Ganze gesehen macht es vermutlich nicht mal einen Unterschied, dass mein Lebensmensch sich aus seinem Erwerbsarbeitsleben verabschiedete, was durchaus ein Einschnitt, eine unmittelbare Veränderung war, etwas, das beim letzten Silvester schon abenteuerlich groß im Raum stand, sozusagen.
Und abenteuerlich, aufregend und in vielem ganz anders als gedacht (oft leichter, schöner!) war es ja auch – bis dann diese verdammte Diagnose per Post ins Haus flatterte und mit dem Leben meines Lebensmenschen auch das meine umkrempelte. Arzttermine und Medizinkram werden ihn und uns noch auf Wochen, Monate begleiten, unsere Terminkalender fremdbestimmen. Es wird vorübergehen, wird irgendwann verblassen – ich werde aber hoffentlich nicht vergessen, wie viel Gutes über das eigentlich Lebensrettende an sich darin auch steckte, wie viel Nähe, Zugewandtheit, Miteinander etwa – aber jetzt ist es noch ein ziemlich großer Schatten von etwas, über das ich keine Kontrolle habe (aber die ist ja eh bekanntlich eine Illusion).
Vielleicht war es die Illusion der Kontrolle, die mir am Silvesterabend fehlte, in Form des Blicks auf etwas Kommendes, Schönes – eine Reise etwa? Die Urlaubspläne waren 2022 das erste, was die notwendigen Folgen der Diagnose aus unseren Terminkalendern kickten. Vage Vorstellungen neuer Urlaubspläne fürs neue Jahr tauchten auf als Silberstreifen eines fernen Horizonts – doch Pläne schmieden, Termine festlegen, Ziele aussuchen, das macht noch eine ganze Weile keinen Sinn. Erstmal gilt es, Behandungen samt Wirkungen und Nebenwirkungen abzuwarten, zu oft erwiesen sich gerade zeitliche Voraussagen in diesem Zusammenhang als falsch.
All das ist für den Verstand nicht schwer zu verstehen. Fürs Gefühl jedoch war es, als wollte ich gestern irgendwann nur noch das alte Jahr hinter mir lassen, seinem Dunkel entrinnen – und landete im nicht weniger ungewissen neuen Jahr, das ohne Reiselichtblicke und Leuchtturmprojekte zumindest auf den ersten Blick ebenfalls recht düster wirkt.
Es kann also alles nur besser werden. Zumal es ja jetzt, in diesem konkreten Moment, an sich nicht schlecht ist. Jahresanfangsmelancholie eben ….