Was für ein poetischer Titel und ein treffender noch dazu: denn Gisa Klönnes soeben erschienener Roman ist eine zugleich tiefgründige wie schwebende, fast tänzerische Meditation über das Leben und die Liebe betrachtet mit den Augen einer Frau um die 60. Kora, die es als Journalisten gewohnt ist, Fragen zu stellen und ihnen solange zu folgen, bis sie die Antworten findet, selbst, wenn es unterwegs ungemütlich wird, nimmt uns mit auf eine literarische Erkundung von Vergangenheit und Gegenwart, und sucht gleichzeitig nach Wegen für die Zukunft.

Warum lügst Du deinen Mann an? Die Frage im Schlaf aus den Tiefen. Sein Atem. Ihr Atem. Ihr flattriger Herzschlag, Das fahlgraue Licht der Straßenlaterne kriecht durch die Gardinen. Anselm bewegt sich neben ihr, murmelt Traumwort, beruhigt sich. Kora liegt still, mit weit geöffneten Augen. Sie hat sich danach gesehnt, genau so wieder hier zu liegen, hat sich ausgemalt, wie das sein wird: der leise Luftzug von draußen, ihr Bett, die vertrauten Schatten der Möbel und Bilder, die sie im Lauf der Jahre ausgesucht haben, Anselms Wärme, sein Körper dicht bei ihr, sein Atem.
Und jetzt, was ist jetzt, Kora?
Das ist der Anfang der Geschichte und ich liebe ihn, weil er in einem Moment die Stimmung des Ganzen konzentriert auf den Punkt bringt: das langvertraute Zusammenleben eines Paares, das sich gemeinsam eingerichtet hat, und zugleich Koras Erschütterung fühlbar macht. Diese speist sich vor allem aus zwei Quellen: Anselm ist überraschend in Rente gegangen, sodass aus der Wochenendehe zweier Vielbeschäftigter ein tägliches Miteinander gefühlt ohne Ausweg(e) wird. Und dann ist da noch Koras Herz-OP, die sie schwer mitgenommen hat. Physisch mag sie im Alltag zurück sein, doch psychisch hat sie noch immer mit den Folgen zu kämpfen.
Wie will ich, wie wollen wir im Alter leben? Ist der Moment, in dem frau sich die Frage stellt, vielleicht der letzte, in dem sich alles noch einmal komplett neu denken und neu ausrichten lässt? Zumal allein die Sache mit der Rente ja schon das bisherige Leben ziemlich auf den Kopf stellt.
Und das ist etwas, was wir alle kennen bzw. kennenlernen werden – plötzlich ist alles anders, dafür steht die Erwartung im Raum, nun all die aufs Danach der Rente projizierten Träume umzusetzen … oder etwa nicht?
Fünf Dinge, die Anselm nicht von Kora weiß:
Dass sie nachts neuerdings auf YouTube Pas de deux anschaut, Ballett, Eiskunstlauf und Akrobatik, und dann manchmal weinen muss, weil es so schlafwandlerisch leicht scheint.
Dass sie seit der Herz-OP mit ihrem nie geborenen Kind spricht.
Dass sie Anselm, kurz nachdem sie sich kennengelernt hatten, einmal zufällig am Bahnhof Friedrichsstraße gesehen hat und ihm ein paar Stunden lang gefolgt ist. Nicht. Weil sie ihm misstraut hätte, sondern einfach, weil sie ihn so gern ansieht.
Dass sie ihrem sterbenden Vater versprochen hat, Anselm nie zu verlassen, obwohl ihr Vater das gar nicht verlangt hat.
Und dass sie sich trotzdem manchmal ganz weit weg sehnt.
Kora bricht auf, und es mag auf den ersten Blick wie eine Flucht aussehen. Doch daraus entsteht eine vielschichtige Geschichte mit mehreren Zeit- und Erzählebenen und ein Roman, den man wieder und wieder lesen kann. Glauben Sie mir, ich weiß das. Denn ich hatte die Ehre und das Vergnügen, Die Liebe, später coachend über drei Jahre hinweg in seiner Entstehung zu begleiten und würde das jederzeit mit Freuden wieder tun.