Pinocchio in Essen

Noch ist der rote Vorhang geschlossen, aber die beiden mächtigen Baumstämme zu beiden Seiten der Bühne lassen ahnen, dass die kleinen und großen Zuschauer im Essener Grillo-Theater gleich etwas Märchenhaftes zusammen erleben werden: nämlich die Premiere von „Pinocchio„, dessen von Carlo Collodi geschaffene Geschichte Henner Kallmeyer in einer ganz eigenen und ziemlich wunderbaren Fassung inszeniert hat.

Auf einer Waldlichtung stehen zwei weißgekleidete Gestalten zusammen: rechts Pinocchio (Silvia Weiskopf), der ein Pierrotkostüm trägt, der fragend zum Fee (Christoph Heisler) blickt. Das Gewand des Fee, besonders sein Rock. sieht aus wie eine riesige, mehrlagige Blüte.
In diesem Wald ist alles möglich: Pinocchio (Silvia Weiskopf) im Gespräch mit dem Fee (Christoph Heisler), der es liebt, Geschichten zu erzählen. Einer der vielen magischen Momente in Henner Kallmeyers Inszenierung. (Foto: Birgit Hupfeld)

Es beginnt beinahe klassisch: Am Anfang sind da nur ein sprechendes Stück Holz, das sich im Wald langweilt und der Schreiner Gepetto (voller Spielfreude: Tim Valerian Alberti) einsam – bis letzterer aus ersterem Pinocchio (unglaublich beweglich: Silvia Weiskopf) schnitzt. Okay, der Fee (durch und durch hinreißend: Christoph Heisler) in seinem blütenartigen Reifrock ist schon ein bisschen ungewöhnlich, und doch, wie alles andere in diesem Stück, absolut überzeugend. Dass er, der so gerne Geschichten erzählt, es Pinocchio überlässt, diese zu erfinden, passt perfekt zu dem, was mir wie das Grundprinzip dieser Stückfassung und ihrer Inszenierung erscheint: mit sparsamen, aber effektvollen Mitteln so viel Raum wie möglich für die Fantasie jedes/r Einzelnen zu schaffen.

Was ist denn hier los: Alle starren Pinocchio an, der versucht, die Sache mit seinem Vater Gepetto (links am Bildrand) dem Gendarm zu erklären, während der Fee entsetzt zuschaut.
Ich glaub, ich steh im Wald: Der Gendarm (Sabine Osthoff) versucht, sich einen Überblick über die Familienverhältnisse von Gepetto (links, Tim Valerian Alberti) und Pinocchio (in der Mitte: Silvia Weiskopf) zu machen. Der Fee (Christoph Heisler) kann über so viel menschliches Durcheinander nur staunen (Foto: Birgit Hupfeld)

So ist die Bühne (Lydia Merkel) im Wechsel ein Wald, dessen Atmosphäre und Tages/Jahreszeit allein das Licht verwandelt und ein leerer Raum, den Buden, Wagen oder auch nur der Mond nebst Nebelschwaden zu jedem Ort werden lassen, den die Geschichte von Pinocchios Abenteuern brauchen. Beim Zirkus begegnet er dem Zirkusdirektor (Ines Krug), und zwei Puppen (Sabine Osthoff & Christoph Heisler), die zwar wie er als klassische Clowns gekleidet sind (Kostüme der Extraklasse: Silke Rekort), doch immer wieder mit riesigen Schlüsseln aufgezogen werden müssen. Er bekommt einen Beutel Gold, der prompt in der nächsten Begegnung mit der Füchsin (Ines Krug) und dem Kater (Jan Pröhl) deren Begehrlichkeit weckt und zu fiesen Verwicklungen führt.

Da kann die Geschichte auch ziemlich gruselig werden, bevor Pinocchio mit Hilfe des Fees neue Wege findet und unterwegs auch jede Menge Spaß hat und Lacher erntet. Am Ende wächst der Junge aus Holz über sich hinaus und alles geht gut aus.

Die Magie eines Abends auf dem Jahrmarkt: lauter bunte Buden mit Losen, Popcorn, Teddybären und Wurfspielen vor einem leuchtenden Riesenrad. Auf dem Platz zwischen den Buden tanzt das Ensemble.
Jahrmarktzauber von Feinstem – purer Spaß für das komplette Ensemble und alle im Zuschauerraum.
(Foto: Birgit Hupfeld)

Was mir besonders gut gefällt, ist, wie Henner Kallmeyers Version mit der Sache mit den Lügen und der Nase umgeht. In dem Punkt wie Pinocchios Wunsch, ein richtiger Junge zu werden, hat er in meinen Augen die Geschichte sozusagen vom Holzkopf auf die Füße gestellt. Doch mehr dazu verrate ich nicht, das muss man sich schon selbst anschauen. 🙂

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