Bildung in kriminellen Vereinigungen

So lautet der Titel meines Beitrags in der Jubiäumsanthologie der Mörderischen Schwestern „Mord ist ihr Metier“ und genau darum geht es auch: Es ist das Jahr 2000, die Criminale, das größte Treffen der deutschsprachigen Krimiautor:innen findet ganz real in Essen statt, was neben Krimilesungen Fortbildungen bedeutet. In einer solchen, allerdings fiktionalen, befindet sich Tim, mein zehnjähriger Protagonist, zusammen mit seiner Cousine Nele, diversen Sisters (wie sich die Mörderischen Schwestern seinerzeit noch nannten) und zwei männlichen Krimiautoren vom Syndikat. Und das passiert im Workshop Taschendiebstahl für KrimiautorInnen in der alten VHS, mitten in meiner Geschichte, in der es auch noch um ganz andere Verbrechen geht:

[…] Ablenkung sei das A und O beim Taschendiebstahl, war so ziemlich alles, was Jorinde von Sannes Einführung mitbekommen hatte. Zu verzweifelt und absurd zugleich war ihre Lage und zu angespannt ihr Nervenkostüm. Warum hatte sie sich darauf eingelassen? Wieso hatte sie dem überheblichen Kerl nicht ins Gesicht gelacht, als er ihr drohte, sie mit seiner „Entdeckung“ zu erpressen? Verrückt genug war seine Forderung wahrlich: Sie sollte den bekannten Krimi-Kritiker als Co-Autor ihres nächsten Kriminalromans und unterschlagenen Mentor ihres bisherigen Schaffens nennen. Dabei erinnerte sie sich weder daran, dass er Tutor ihres ersten Schreibseminars im Studium gewesen war, noch an dessen sicher wissenschaftliche Inhalte. Er wollte jedenfalls einen unterschriebenen Vertrag und das aktuelle Manuskript mit ihrer beider Namen. Dafür bekäme sie seine Beweise, die physischen wie die fotografischen, und eines seiner Manuskripte, das sie ihrer Literatur-Agentur empfehlen sollte. Sie hatte so neben sich gestanden, dass sie hinterher Sanne und den anderen beim Schwestern-Stammtisch davon erzählte. Die beschlossen, das könnten sie dem Kerl unter keinen Umständen durchgehen lassen, und wollten seinen Plan während des Workshops torpedieren. Feministische Solidarität unter Krimiautorinnen schön und gut, Jorinde hoffte nur, dass sie damit nicht alles noch schlimmer machten.

„Danke Elfie, danke Gabriella, Madeline und Mario, dass ihr Opfer und „Staumaterial“ für den Trick mit Blocker und Zieher gespielt habt. Der funktioniert auf Rolltreppen, in Aufzügen und überall dort, wo ihr mit eurem Partner Gedränge provozieren könnt. Allerdings würde ich mir überlegen, ob ihr gleich im Praxistest wirklich im Doppel arbeiten wollt. Unsere Gruppe ist ja recht überschaubar.“ Sanne sah von den vier, die bei der Demonstration geholfen hatten, zu den anderen. „So oder so, jetzt gibt es noch ein paar Aufwärmübungen. Wer hilft beim Umbau?“

Tim staunte nicht schlecht. Im Handumdrehen wurde aus dem Kursraum ein Übungsparcours aus hochgestellten Stühlen mit Säckchen, Taschen, Jacken darauf, an denen Klappern und Glöckchen befestigt waren. Im Vorbeigehen sollten sie aus diesen Behältnissen versteckte Spielkarten und Schachfiguren mopsen – geräuschlos, ohne aufzufallen. Menzani, der an Sanne klebte wie ein verliebter Dackel, machte den ersten Versuch. Erst klapperte und klingelte es in einem fort, doch am Ende hatte er eine weiße Dame und einen schwarzen Turm erbeutet. Nele war geschickter, sie brachte es auf drei Bauern, einen Springer und eine Spielkarte. Andere wie Jorinde und Kapitän Langer brauchten dagegen mehrere Anläufe, um überhaupt etwas zu ergattern. Tim verstand das Problem nicht. Man musste sich bloß ruhig und gleichmäßig bewegen und durfte nicht den Atem anhalten, wenn man in die Taschen griff. So kam er mit Leichtigkeit auf elf entwendete Gegenstände – einen mehr als Özge und drei weniger als Sanne. Schlepper dagegen winkte nach einer Nullrunde ab und meinte, er sei als Reporter hier. Erst wollte Sanne protestieren, dann sah sie auf die Uhr und entschied, es sei Zeit für den Praxistest.

„Dafür gehen wir runter ins Foyer. Ihr mischt euch unter die Leute, schaut euch die Bilder an, trinkt Kaffee – was man halt so macht. Bloß dass ihr das nutzen sollt, einander unbemerkt zu bestehlen. Wer erwischt wird, ist raus. Özge und ich sind Schiedsrichterinnen. Uns dürft ihr auch versuchen zu beklauen, aber normale Besucher, die nicht zum Kurs gehören, sind tabu. Wer zuletzt im Spiel ist und die meisten Gegenstände erbeutet hat, gewinnt“, erklärte Sanne. „Noch Fragen? – Gut. Nehmt eure Sachen und runter mit euch.“

Während alle zusammenpackten, trat sie an Schlepper heran und spähte über dessen Schulter auf seine Notizen. „Sie sollten den Titel unseres Workshops schon richtig schreiben. Taschendiebstahl für SchreibtischtäterInnen hat ein großes Binnen-I.“ Sie sah ihn tadelnd an, während sie ein kleines Stück von ihm abrückte und sich dabei Özge, die ebenfalls hinzugekommen war, annäherte.

Was drückte sie ihr hinter dem Rücken in die Hand?, überlegte Tim, doch da schob sich Nele an ihm vorbei zu den beiden Frauen – „Moment, Özge, eine Frage noch!“ –, und Schlepper drängte ihn beiseite, als er – „blöder Weiberkram“ murmelnd – zur Tür stapfte. Erwachsene konnten ganz schön bescheuert sein, so viel stand fest.[…]

Aus: Bildung in kriminellen Vereinigungen, von Mischa Bach, in: „Mord ist ihr Metier“, hrsg.v. Regine Schleheck, S. 276f

Wie es weitergeht und was in den anderen 29 Kurzkrimis geschieht, muss jede und jeder selbst herausfinden. Ein Ausgabe von „Mord ist ihr Metier“ in der Buchhandlung des Vertrauens besorgen und loslesen.

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