„Ihr reist nach Münster?“ Stimme und Augenbrauen klettern in die Höhe und der Blick ist erstaunt, als hätten wir verkündet, Ferien auf der Venus machen zu wollen. Doch, mal ehrlich, wenn Urlaub so etwas ist wie ein Ausstieg aus dem Alltag auf Zeit, was spricht dann dagegen, letztere gerade nicht in langen Schlangen am Flughafen, endlosen Staus oder mit all den ungewollten Verzögerungen auf Fernreisen mit der Bahn zu verbringen, und statt dessen gut gelaunt in eine Regionalbahn ein- und noch besser gestimmt eine Stunde später wieder auszusteigen?



Bis auf einen gemeinsamen Tagesausflug mit einer Freundin vor mehr als 20 Jahren, die hier ein Vorstellungsgespräch hatte (glauben wir), während wir durch den Dom liefen (vermuten wir), und einen Abstecher mit dem Theater vor mindestens 30 Jahren, bei dem mein Lebensmensch aber außer dem Hof von eben jenem, in dem sie spielten, nichts gesehen hatte, gab es nur die Bilder aus dem Münsteraner „Tatort“, die wir mit der Stadt verbanden und dazu das Wissen um deren historische Bedeutung. Die Stadt des westfälischen Friedens – hat das etwa keinen verheißungsvollen Klang in diesen lauten, streitsüchtigen Zeiten?
Aber daran dachten wir gar nicht, als wir schnurstracks vom Bahnhof zum Hotel liefen. Wir wunderten uns – nein, nicht über die zahlreichen Fahrräder, dass Münster ein positives Beispiel für die Verkehrswende ist, wussten wir schließlich -, sondern darüber, wie lebendig und bunt diese Stadt uns vom ersten Moment begegnete. Menschen jeglichen Alters und unterschiedlicher Herkunft wuselten um uns herum ihrer Wege, gingen in allerlei Geschäften (beileibe nicht nur Ableger allseits bekannter Ketten) ebensolchen nach, saßen in diversen Cafés oder unterhielten sich an Straßenecken oder auf einer der zahlreichen Bänke, die etwa unter den Bäumen der Promenade zum Verweilen einladen.




Dorthin – auf die Promenade und ja, auch auf so manche baumbeschattete Bank – zog es uns, nachdem wir unser Hotelzimmer bezogen und uns etwas eingerichtet hatten. Wir liefen nach Westen, kamen an schönen alten Stadthäusern vorbei, an lauschigen Plätzen und Kunst aller Art, und waren bereits nach wenigen Schritten überzeugt, das ist mal wirklich eine lebenswerte Stadt. Am Aasee weitet sich plötzlich der Blick und man möchte am liebsten sofort einen Segelschein machen oder wenigstens mit der Solaaris über den See schippern, rüber zum Zoo und dem Freilichtmuseum vielleicht, oder einfach nur als Rundfahrt. Es war der vermutlich letzte Sommertag des Jahres, und so ziemlich alle schienen draußen unterwegs zu sein.
Wir liefen weiter, vorbei an der Musikschule und gelangten zum Schloss, das die Univerwaltung beherbergt, aber darum nicht weniger herrschaftlich anmutet in seiner barocken Pracht. Mich erinnerte es ein wenig an das Bonner Schloss, in dem ich vor einer gefühlten Ewigkeit Anglistik und Germanistik studierte, wenn mich nicht gerade irgendwas (bzw. -wer) auf der Wiese hinterm Schloss davon abhielt. In Münster liegt hinterm Schloss nicht einfach nur ein Garten, sondern gleich ein botanischer solcher, doch den wollten wir am nächsten Tag besuchen. Jetzt ließen wir uns noch ein Stück weiter treiben auf der Promenade und vertrieben uns so die Zeit bis zum Abendessen im Großen Kiepenkerl. Dafür hatte mein Lebensmensch einen Gutschein zum Geburtstag geschenkt bekommen, was ein Vorschlag eines unserer Nachbarn gewesen war, der in Münster studiert und dort gekellnert hatte.




Für einen Dienstagabend war es dort ungewöhnlich voll, doch dank einer besonders aufmerksamen und engagierten Kellnerin wurde es mit Hilfe der Küche ein ausgesprochen köstlicher Abend. Angenehm satt und müde zugleich spazierten wir durch die historischen Arkaden über den Prinzipalmarkt zum Hotel zurück.