Man könnte meinen, ich hätte beim Schreiben geahnt, dass der Erscheinungstermin der Anthologie MORDsJAHRE und damit meiner Geschichte in eine Phase meines Lebens fallen würde, wo beides erstmal unverdient untergeht, sodass beides erst Monate später auch hier im Blog auftaucht – aber natürlich geht es bei diesem Titel rein um die Story.

„Ihre Personalien, Name, Anschrift –“
„Dolores …, wie Dolores O’Riordan von den Cranberries“, hatte sie mehr als prompt erwidert, und gleich die dürren Daten ihres jungen Lebens heruntergerattert: geboren 1997 in Dortmund, dort aufgewachsen bei ihrer Oma Sofia, bis sie nach Realschule und Friseurlehre im Spätsommer 2006 nach Essen ging, wo sie ein Jahrespraktikum im Colosseum beim „Phantom der Oper“ ergattert hatte.
„Das hätte der Anfang meiner Karriere als Maskenbildnerin sein können, aber dann bin ich diesem Kerl begegnet“, wollte sie fortfahren, doch das ging zu weit, hieß es. Wo sie jetzt wohne, es ginge an dieser Stelle nur um die Personalien.
„Fürs Erste in Dortmund“, sagte sie widerwillig, bevor sie die Adresse hinterher schob, an der sie nun, im Februar 2008, wieder mit Sofia zusammenlebte. Eine Schmach, angesichts der sie am liebsten im Boden versunken wäre. Kein Wunder, dass sie darüber die Feststellung von Dans Personalien und die Hälfte der Verlesung der Anklageschrift verpasste. Das, was sie davon mitbekam, hörte sich völlig unwirklich an: Von wegen Verabredung zum gemeinschaftlichen schweren Raub wegen der paar Kröten aus der Trinkhalle!
Das ist der Anfang meiner Geschichte und so ähnlich – nur halt mit anderen Namen und einem anderen Sound, aber vor Gericht in Essen – begann wohl auch eine ganz reale Gerichtsverhandlung, die wenig später zu einem Bericht in der WAZ wurde. Petra Treiber hatte einen ganzen Katalog von Verbrechen aller Art zusammengestellt, über die in den letzten 25 Jahren im Ruhrgebiet berichtet worden war — passend zum Silberjubiläum der Krimi-Couch von Steffen Hunder. Um das zu feiern, durften ausgewählte Krimi-Couch-Besucher:innen sich True Crimes dem ‚Katalog‘ aussuchen und diese in ganz eigene Geschichten verwandeln.
„So war das doch gar nicht“, begann sie ihre Vernehmung, vielleicht etwas heftiger als nötig. „Daran war nichts, aber auch gar nichts gemeinschaftlich oder verabredet!“ Der Mensch von der Jugendgerichtshilfe verdrehte die Augen, die Verteidigerin wollte sie beruhigen und Dan, nun den streifte ihr Blick nur kurz, der war der letzte, den sie ansehen wollte, der hatte ihr das Ganze doch eingebrockt. Und dann sprudelt alles nur so aus ihr heraus.
„Wäre ich bloß nicht auf diese blöde Party zur Mondfinsternis gegangen, aber meine Freundin Ali wollte nicht alleine zu dem ‚Event‘ im Landschaftspark Nord. Ich kannte keine Sau, sie war in den Bruder des Organisators verknallt – keine Ahnung, wie der hieß oder woher sie den kannte – und es war stinklangweilig. Ein Haufen Leute hängen in einer kalten Märznacht draußen rum und warten darauf, dass es vorübergehend noch dunkler wird. Ich hätte gedacht, dass es da wenigstens Lagerfeuer gibt, aber so richtig angemeldet war die Sache wohl nicht, also haben die bloß in’ner versteckten Ecke im Kletterpark irgendein Zeug gegrillt. Mir war also kalt, und dann steht da plötzlich dieser Typ mit etwas, was ’ne Currywurst sein sollte und ’ner Thermoskanne Kaffee mit Schuss vor mir. Endlich mal wer, der mitdenkt, dachte ich da noch. Solang wir nur dastanden, mampften und tranken, war’s ganz nett. Da erschien mir der Hundeblick aus seinen großen, braungrünen Kulleraugen noch süß und dass er so gar keine Ahnung von Kultur hatte – der wusste nicht mal, dass es ‚Phantom der Oper‘ und nicht ‚Phantom der Opfer heißt‘ –“
Ich hatte keine Lust auf Mord und Totschlag, ich fand’s spannender, mich mit einem eher abstrusen Verbrechen wie dem gescheiterten Überfall auf eine Trinkhalle durch ein junges Liebespaar zu beschäftigen. Wo es doch schon im Zeitungsartikel hieß, dass die beiden sozusagen von Romeo & Julia zu Bonnie & Clyde werden und ich Theater und Film liebe …
„Ey das war’n Witz, du Dumpftuss“, warf Dan ein, bevor ihn sein Verteidiger auf seinen Platz zurückziehen und der Richter ihn mit einer Ermahnung zum Schweigen bringen konnte.
„Toller Humor, typisch Dan, danke auch“, fuhr sie fort und sah ihn nun doch kurz an, stellte fest, er war hager geworden im letzten halben Jahr, worauf sie seufzte, um dann an den Richter gewendet weiterzusprechen. „Genau wie sein ach so toller Sinn für Romantik. So hat er hinterher erklären wollen, warum er in dem Moment, als der Mond komplett weg war, plötzlich seine Arme um mich schlang und mir seine Zunge in den Hals steckte: Er hätte sich erschrocken und mich beschützen wollen, nee klar.“
Sie schüttelte den Kopf, er war kurz davor, erneut aufzuspringen und sich einzumischen. „Aber eines muss man ihm lassen, küssen kann der Kerl.“
Wie wird aus einer Romanze im Pott ein Verbrechen, an dessen Ende sich eine Dortmunderin und ein Oberhausener in Essen vor dem Kadi wiederfinden? Und kann man das Ganze wie eine Mischung aus Theaterstück und Gerichtsfilm in Form einer Kurzgeschichte erzählen? Und wieso müssen eigentlich immer die Verbrecher die Dummen sein, nur weil sie gefasst werden?
„In welchem Zusammenhang zu der Ihnen zur Last gelegten Straftat, die Sie nachweislich gemeinsam im Juli des letzten Jahres begangen haben, steht das alles?“, wollte die Staatsanwältin wissen.
„Na, wenn ich nicht mit Ali zu der blöden Mondfinsternisparty gegangen, wo Dan mich einwickeln konnte, wie hätte ich mit ihm zusammenziehen sollen? Und wenn das nicht passiert wär, wär ja auch alles andere anders gekommen.“ Dolores fragte sich allmählich, was man machte, wenn man Jura studierte. Ihre Verteidigerin hatte ihr auch immer wieder so blöde Fragen gestellt.
Da sieht man’s wieder – (Aus)Bildung schützt vor Unverständnis nicht. Doch falls Sie rausfinden wollen, was bei der ganzen Sache herauskommt, und worin genau die zweite Chance von Dan & Dolores besteht, müssen Sie die Geschichte schon selber lesen. Und wenn Sie noch zögern, das Buch zu kaufen: Denken Sie dran, der Erlös kommt dem Weißen Ring zugute und stiftet damit auf seiten der Verbrechensopfer zweite Chancen. Sie werden gut unterhalten und anderen geht es hoffentlich ein Stück besser – was wollen Sie mehr?