Eine Handvoll Bücher

Vielleicht sollte ich weniger Bücher (und Zeitungen) parallel lesen? Dann käme ich womöglich auch schneller dazu, über das Gelesene zu schreiben, was wiederum den schwierigeren oder einfach mir fernliegenderen Texten zugute käme wie etwa Robert Musils „Drei Frauen“ aus dem Jahr 1920.

Ich weiß schon gar nicht mehr, wie lang mich diese „Drei Frauen“ begleitet haben. Sicher ist, als ich die erste Erzählung „Grigia“ las, galten noch Corona-Regeln und ich kämpfte mit Maske & Lesebrille im Wartebereich der Manuellen Therapeutin, bei der ich damals in Behandlung war. Ein Bergbauingeneur namens Homo wird beruflich in eine entlegene Gegend in Italien geschickt, wo er etwas mit Grigia einer jungen Frau aus dem Dorf anfängt. Verhältnisse dieser Art scheinen erwartbar, normal, auch wenn man, wie Homo, Frau und Kind anderswo in der Stadt hat. Am Ende werden Homo und Grigia im Berg verschüttet. Obwohl ich mich erinnere, diese Geschichte zwei Mal hintereinander gelesen zu haben – Musil schreibt für mein inneres Ohr wunderbare Sätze wie z.B. diese hier auf S. 12 der Reclam-Ausgabe :

Es lebten übrigens merkwürdige Leute in diesem Talende. Ihre Voreltern waren zur Zeit der tridentischen Bischofsmacht als Bergknappen aus Deutschland gekommen und sie saßen heute noch eingesprengt wie ein verwitterter Stein zwischen den Italienern. Die Art ihres alten Lebens hatten sie halb bewahrt und halb vergessen, und was sie davon bewahrt hatten, verstanden sie wohl selbst nicht mehr.

Das erzeugt ein vages Bild, eine Atmosphäre, ein Gefühl und zugleich beschreibt es wohl auch mein Problem mit dieser Geschichte: Mir wurde nie klar, was die Absicht hinter all dem ist – ist das eine Art märchenafte Erzählung, eine Variation zu Kleists „Erdbeben in Chili“? Geht es um den Kontrast von naturwüchsigen Dorfbewohnern und gebildeten Städtern oder um womöglich verbildete Männer und natürliche Frauen?

In „Die Portugiesin“ heiratet eine solche einen deutschen Ritter, den Herrn von Ketten, und folgt ihm auf seine kalte Burg, wo sie erstmal elf Jahre auf ihn wartet, weil er seinem Bischof in diverse Kriege folgt. Nach der Rückkehr erkrankt der Kriegsheld, der ohnehin an Eifersucht krankt – erst recht, als ein Fremder auftaucht, den man traditions- und standesgemäß als Gast auf der Burg aufnimmt. Und dann ist da noch die Sache mit der kleinen weißen Katze, um die sich alle kümmern und die doch stirbt. Viele mysteriöse Dinge geschehen und werden mit schönen Worten geschildert, doch weil der Herr von Ketten sie letztlich genauso wenig begreift wie seine eigene Frau, werden sie mir als Leserin auch nicht begreiflich.

„Tonka“, die letzte und längste Erzählung, dreht sich um eine weitere nichtstandesgemäße Liebesgeschichte, bei der sich der Mann als unfähig erweist, seine Frau zu verstehen, die ihm schlicht folgt, ohne dass man erfährt, warum genau. Auch er ist wiederum voll Eifersucht, weil er nicht glauben mag, dass das Kind, mit dem sie schwanger, von ihm ist. ‚Gerettet‘ werden sie am Ende, indem Tonka hocschwanger an einer mysteriösen Krankheit stirbt.

Nun ja. Mag sein, dass es, wie es im Klappentext heiß, in den drei Novellen um die ‚unverstandene Tiefe menschlicher Gefühlsempfindungen‘ geht. Dass diese allerdings ausschließlich aus männlicher Sicht geschildert werden, wo der Band mit „Drei Frauen“ überschrieben ist, irritiert mich doch und ich wüsste gerne, wie das den Leserinnen der Erstausgabe im Jahr 1920 ging. Ich hege Zweifel, dass sie sich durchweg in den Protagonistinnen oder vielmehr den Objekten männlicher Begierde in den drei Erzählungen wiederfanden.

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